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Maria (rechts) läuft am 58-jährigen Angeklagten im Gerichtssaal im Landgericht vorbei. Ihm werden die Entziehung Minderjähriger und schwerer sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen. Der Mann soll im Mai 2013 mit der damals 13-Jährigen Maria ins Ausland geflüchtet sein.
Maria (rechts) läuft am 58-jährigen Angeklagten im Gerichtssaal im Landgericht vorbei. Ihm werden die Entziehung Minderjähriger und schwerer sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen. Der Mann soll im Mai 2013 mit der damals 13-Jährigen Maria ins Ausland geflüchtet sein. © dpa
08.05.2019

Prozess um über Jahre verschwundene Maria - Missbrauch und totale Kontrolle

Freiburg. Im Fall der jahrelang verschwundenen Maria aus Freiburg hat der Prozess gegen den Begleiter des Mädchens begonnen. Dem 58 Jahre alten Deutschen aus Blomberg in Nordrhein-Westfalen werden Kindesentführung und sexueller Missbrauch zur Last gelegt. 

Er habe das Mädchen kontrolliert, ihm Kontakte zu anderen verboten und es in 108 Fällen sexuell missbraucht, sagte Staatsanwältin Nikola Novak zum Prozessauftakt vor dem Landgericht Freiburg am Mittwoch.

Maria und der Mann sitzen sich im Gerichtssaal direkt gegenüber. Mehr als fünf Jahre waren die beiden, deren Altersunterschied rund 40 Jahre beträgt, gemeinsam untergetaucht. Alle Suchaktionen der Mutter sowie die internationale Fahndung der Polizei blieben erfolglos. Maria, damals 13, war im Mai 2013 zu Hause in Freiburg ausgerissen – gemeinsam mit dem Mann, den sie zuvor im Internet kennengelernt hatte. Seit Mittwoch steht der heute 58-Jährige in Freiburg vor Gericht.

Mit dem Strafprozess gegen den verheirateten Familienvater aus Blomberg in Nordrhein-Westfalen verhandelt das Landgericht Freiburg einen ungewöhnlichen Kriminal- und Vermisstenfall. Nachdem das Mädchen und der Mann vor sechs Jahren verschwanden, gab es lange kein Lebenszeichen von ihnen. Im vergangenen Sommer kehrte Maria dann unerwartet zur Mutter zurück. Ihr Begleiter, ein nicht vorbestrafter Tischler und Industrieelektroniker. Dem Deutschen wird Kindesentführung zur Last gelegt. Zudem soll er das Mädchen, seit es elf Jahre alt war, in 108 Fällen sexuell missbraucht haben.

„Meine Arme werden immer offen sein für sie“, sagt er später über die inzwischen 19-jährige junge Frau. Maria begleitet den Prozess neben ihrer Mutter als Nebenklägerin – und macht in der Öffentlichkeit einen souveränen Eindruck. Zum Prozessauftakt äußert sie sich im Gerichtssaal nicht.

Der Angeklagte nimmt sein Recht in Anspruch, zu den Vorwürfen unter Ausschluss der Öffentlichkeit auszusagen. Öffentlich räumt er ein, mit Maria untergetaucht zu sein und mit ihr gelebt zu haben. Für sie habe er seine Familie und Arbeitsstelle nach mehr als 20 Jahren verlassen.

„Wir werden sehen müssen, ob der Angeklagte sein Verhältnis zu der Geschädigten als Beziehung oder als Missbrauch sieht. Das ist einer der Knackpunkte in dem Prozess“, sagte die Staatsanwältin. Davon hänge ab, ob von dem Mann eine Gefahr ausgehe und Sicherungsverwahrung Sinn mache.

Die gemeinsame Geschichte von Mann und Mädchen beginnt laut Anklage im April 2011. Damals lernen sich die beiden über ein Chat-Forum im Internet kennen. Der Mann gibt sich im Internet dem Mädchen gegenüber anfangs als Teenager aus, sagt Staatsanwältin Nikola Novak. Es gibt erste heimliche Treffen, bei denen es zum Missbrauch des Mädchens gekommen sei. Damit sie unentdeckt bleiben, habe der Mann Maria ein Zweit-Handy organisiert.

Am 4. Mai 2013 tauchen die beiden gemeinsam unter. Maria ist damals 13 Jahre alt. „Das Paar schmiedete seit April 2013 konkrete Fluchtpläne“, sagt Novak. Der Mann habe Maria seine Liebe erklärt und gesagt, er wolle mit ihr eine Familie gründen.

Die Beziehung zu ihr habe er dominiert, sagt die Staatsanwältin. In den fünf Jahren habe Maria kein Handy nutzen und nicht ins Internet gehen dürfen. Er habe Macht über das Mädchen ausgeübt. Nötige Medikamente habe er verweigert. Auch eine Schule habe Maria, die in Freiburg auf ein Gymnasium ging, nicht besucht.

Die Reise ging durch Osteuropa nach Italien. Die ersten Jahre habe das Paar im Zelt gewohnt, viele Strecken habe es mit dem Fahrrad zurückgelegt. Die vergangenen zwei Jahre lebte es demnach gemeinsam in einer Wohnung in der Küstenstadt Licata in Sizilien. Maria und der Mann hätten sich als Vater und Tochter ausgegeben, erzählen Einheimische. Mit Gelegenheitsjobs finanzierten sie ihr Leben.

Die Wende kam, kurz bevor Maria 18 Jahre alt wurde. Sie sei ohne das Wissen des Mannes ins Internet gegangen und habe dort erfahren, dass nach ihr noch immer gesucht werde. Sie entschloss sich, nach Hause zurückzukehren. „Ich habe die ganze Stadt zusammengeschrien“, erinnert sich der Angeklagte an den Moment, als Maria weg war, und fängt an zu weinen. Er sucht mehrfach Blickkontakt zu Maria – ohne Erfolg. Ein Urteil soll es Ende Juni geben.

Für den Strafprozess sind sieben Verhandlungstage geplant. Gehört werden sollen 15 Zeugen und ein psychiatrischer Sachverständiger. Ein Urteil soll es Ende Juni geben (Az.: 3 KLs 160 Js 12932/13 AK 7/19).