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Schlaft, Schäflein, schlaft: Hunde sollen Herden vor Wolf schützen
Schlaft, Schäflein, schlaft: Hunde sollen Herden vor Wolf schützen © dpa
02.11.2017

Schlaft, Schäflein, schlaft: Hunde sollen Herden vor Wolf schützen

Seit der Wolf in Baden-Württemberg wieder heimisch wird, müssen Schafherden auch nachts vor Angriffen geschützt werden. Wenn der Schäfer Feierabend macht, können speziell ausgebildete Hunde dessen Arbeit übernehmen.
Alara und Hugh steckt eine Nachtschicht in den Knochen, aber davon lassen sie sich nichts anmerken. Sie sitzen mit wachem Blick vor 500 dösenden Schafen, als ihr «Chef», Wanderschäfer Manfred Voigt (67), am Morgen nach ihnen sieht. Alara und Hugh sind Herdenschutzhunde. Die Herdenschutzhunde werden bei Schafen geboren, wachsen mit ihnen auf und leben mit ihnen auf der Weide, erklärt Voigt. «Schafe sind für die Hunde wie Geschwister, die sie ein Leben lang verteidigen - bis aufs Blut.»
Anfang Oktober wurde der erste Wolfsriss in Baden-Württemberg seit 100 Jahren bei Heilbronn gemeldet. Ein Wolf gelangte über Bachläufe auf die Schafweide, tötete zwei Lämmer und verletzte eines so schwer, dass es notgeschlachtet werden musste. Seit Wölfe in Deutschland wieder heimisch werden, suchen Schäfer nach Möglichkeiten, wie sie ihre Herden vor Angriffen schützen können. 
In einem Pilotprojekt testen drei Schäfereien in Kooperation mit dem Landesschafzuchtverband und dem Naturschutzbund seit 2015 die Arbeit mit Herdenschutzhunden. Grundsätzlich wird das Projekt von den Beteiligten als erster Schritt zu einem funktionierenden Herdenschutz in Baden-Württemberg angesehen. Doch es ist nach Angaben des Landesschafzuchtverbands schwierig, dass die Schafe den Hund als Herdenmitglied akzeptieren. Außerdem bereiten Vorschriften zur Hundehaltung den Schäfern Probleme. 
Manfred Voigt macht mit seinem Landschaftspflegehof in Michelbach an der Bilz (Kreis Schwäbisch Hall) beim Pilotprojekt mit - «weil Schafe und Hunde mein Leben sind», sagt er. Wenn der großgewachsene Schäfer auf der knapp acht Kilometer vom Hof entfernten Weide aus dem Jeep steigt, verschwindet er mit seiner olivgrünen Kleidung so gut vor dem Hintergrund der herbstgrünen Wiesen wie die weißen Hunde in der Schafherde.
Im Hütealltag der Wanderschäferei übernehmen die Hunde die Nacht und die Frühschicht. Wenn Voigt zur Herde kommt, merkt er, ob die Hunde ereignislose Stunden verbracht haben, oder ob sie ihm vermitteln wollen «Du Chef, da war was». Er sucht dann nach Spuren, findet vielleicht neben dem Pferch - so nennt man den eingezäunten Nachtstellplatz der Schafe - eine ins Gras gewühlte Schneise einer Wildschweinrotte oder Spuren eines Fuchses. Einen Wolf oder seine Spuren hat er noch nie gesichtet, trotzdem sind seit einer Weile Angst und Ungewissheit auf dem morgendlichen Weg zur Weide ständiger Begleiter - ob mit den Schafen noch alles in Ordnung ist?
Der Herde auch bei Nacht einen Schäfer zur Seite zu stellen, wäre zu teuer. Die Tiere über Nacht in den Stall zu treiben, ist unmöglich: Derzeit grasen sie acht Kilometer vom Hof entfernt. Was den Schäfern noch Sorgen bereitet: Die bundesweit geltende Tierschutzhundeverordnung verbietet es eigentlich, Hunde innerhalb eines Elektrozauns zu halten. Sie dringen und hoffen derzeit auf eine rechtliche Klärung. Unter anderem wegen dieser offenen Frage will der Landesschafzuchtverband den Einsatz von Herdenschutzhunden noch nicht flächendeckend empfehlen. Nach Ansicht des Bundesagrarministeriums bietet die bestehende Verordnung den Überwachungsbehörden der Länder ausreichend Flexibilität für einen Einsatz von Herdenschutzhunden. Es werde aber geprüft, ob eine Anpassung der Tierschutz-Hundeverordnung zu mehr Rechtssicherheit für die Tierhalter führen kann, teilte ein Ministeriumssprecher mit. 
Die zurückliegende Nacht scheint friedlich gewesen zu sein. Die eineinhalbjährige Alara und der acht Jahre alte Hugh werfen sich ins taunasse Gras, ein Zeichen ihrer Unterwerfung gegenüber dem Schäfer. Sie vergraben ihre Schnauzen in seinen Händen, lassen sich am Hals kraulen und loben: «Ganz gut macht ihr das!» 
Voigt hat die Tiere aus Brandenburg geholt, wo man schon mehr Erfahrung mit dem Wolf und somit auch mit Herdenschutzhunden hat. Ihr Charakter hat ihn überrascht. Sie seien lernfähiger, sensibler, aber auch nachtragender als andere Hunde. Man brauche Fingerspitzengefühl um die Hunde in eine Herde zu integrieren. Damit die Michelbacher Schafe sehen konnten, dass die Herdenschutzhunde keine Gefahr für sie darstellen, hat Voigt vier Schafe aus dem Herkunftsbetrieb der Hunde gleich mitgekauft. Als Vorbilder. Das habe geholfen. 
Die Schicht von Alara und Hugh endet am späten Vormittag, wenn das Gras abgetrocknet ist. Voigt bringt sie in einen Anhänger, der in der Nähe der Weide geparkt ist. Dort sollen sie sich ausschlafen, damit sie zur Nachtschicht wieder fit und aufmerksam sind. Bis dahin hütet Voigt die Schafe.