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Schlecker: Tod eines Dinosauriers.
Schlecker: Tod eines Dinosauriers © dpa
27.06.2012

Schlecker: Tod eines Dinosauriers

Ehingen. So vertraut waren sich Schlecker-Stammkunden und Verkäuferinnen: Als alles zu Ende geht, liegen sich einige traurig in den Armen. „Wenn man hier jeden Tag einkauft, kennt man die Mitarbeiterinnen“, sagt eine 60 Jahre alte Kundin in einem Markt am Hauptbahnhof im nordrhein-westfälischen Münster. „Es gibt keine Worte mehr, ich glaube, das kann man verstehen“, sagt eine Angestellte. Für sie und die insgesamt 13 200 Schlecker-Mitarbeiter ist jetzt Schluss.

Seit knapp vier Jahrzehnten prägten sie viele Dörfer, waren in Städten von Kiel bis Kempten zu finden, die blau-weißen Läden des Drogeriekönigs Schlecker. Die Geschäfte lebten vor allem von den Stammkunden – Verkäuferinnen und Verbraucher kannten sich gut, man tauschte sich aus wie beim Friseur.

Die Beschäftigten in 2800 Filialen in Deutschland waren aus der Zentrale im baden-württembergischen Ehingen angewiesen worden, am Mittwoch, 29. Juni 2012, um 15 Uhr die Läden ein letztes Mal abzuschließen – ein bitteres Ende für viele Angestellte. Zu Bestzeiten hatte die einstige Nummer 1 auf dem deutschen Drogeriemarkt europaweit 55 000 Mitarbeiter und zählte zu den 25 größten Handelsunternehmen des Kontinents. Firmengründer Anton Schlecker investierte vor allem in die Expansion des Unternehmens und überzog, die Kosten liefen aus dem Ruder.

Seinen ersten Drogeriemarkt eröffnete der Schwabe 1975 in Kirchheim bei Stuttgart. Experten sind sich einig: Schlecker verschlief die Ansprüche einer modernen Konsumgesellschaft; die Konkurrenz überholte ihn – etwa bei der Sortiments- und Ladengröße. Schlecker-Filialen blieben vielfach altbacken. Auch die Kinder Lars und Meike Schlecker konnten das Ruder nicht rumreißen. Schließlich gestanden sie „unternehmerische Fehlentscheidungen“ ein: „Wir haben zu spät begonnen, konsequent und mit allem Nachdruck gegenzusteuern.“ Das nützt aber der enttäuschten Belegschaft nicht mehr. Die Kassen sind zu, die Regale leer und die Läden besenrein. „Wut, ich habe Wut auf Anton Schlecker“, sagt Brigitte Wolf, die am letzten Schlecker-Tag in einer Nürnberger Filiale die Stellung hält. Die 47-Jährige ist verbittert: „13 Jahre habe ich für Schlecker gearbeitet. Wie soll es jetzt weitergehen? Ich bin doch keine 20 mehr. Die Arbeitslosenunterstützung reicht weder zum Leben noch zum Sterben.“ Die Stimmung ist bei vielen ähnlich. Die Sorgen um die Zukunft, die Anspannung der vergangenen Monate und der Ausverkaufsstress der letzten Tage drücken aufs Gemüt.

Viele Schlecker-Märkte mit leer geräumten Regalen machten schon am Vormittag zu. In den Regalen der anderen fanden Schnäppchenjäger nur noch wenige Produkte: etwa Kräutersamen, Pyramidenkerzen, Fliegenklatschen und Grußkarten. Am letzten Schlecker-Tag gab es alles nur noch für 20 Cent. „Es ist fast ein bisschen befreiend“, sagt die Leiterin eines Marktes in Stuttgart. „Die letzten Tage waren furchtbar. Die Kunden haben sich unter aller Kanone benommen, alles aus den Regalen rausgerissen.“ Sie habe bereits einen neuen Job in einer Bäckerei gefunden, sagt sie, ihre Kollegin suche noch. Eine 60 Jahre alte Verkäuferin in Dresden macht sich kaum noch Hoffnung, eine neue Arbeit zu finden. „Zählen wir denn nichts?“ fragt sie an die Adresse der Politiker.

In der Filiale im schleswig-holsteinischen St. Peter-Ording ist nur noch ein einziger Gang für die Kunden geöffnet. Irgendwann findet noch der letzte Ladenhüter einen Abnehmer: „Endlich kauft mal jemand unseren Winnie Puuh“, sagt die Kassiererin, während sie 20 Cent für ein Paar Kinder-Latschen mit einer Figur des kleinen Bären in die Kasse eintippt.

An einem Markt in Schwerin hing nur noch ein handgeschriebenes Plakat: „geschlossen – Feierabend“. Ein Geldbote kommt in einen Stuttgarter Markt und holt die Tageseinnahmen. „Alles Gute, Mädels“, sagt er und verlässt das Schlecker-Geschäft. Für immer.