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Im Rastatter Schloss können Kinder höfische Zeremonien nachspielen. Foto: dpa
schloss rastatt © dpa
22.08.2011

Schlösser zum Anfassen - Verwalter wirbt um Kinder

RASTATT. Da könnte manch ein Fürst neidisch werden. Stephan Hurst unterstehen zwei Schlösser und sechs Burgen. Ihm huldigen jedoch keine Untertanen, sondern höchstens Besucher. Von ihnen kann der Schlossverwalter aber gar nicht genug bekommen.

Die Aufzählung beeindruckt: Residenzschloss Rastatt und Schloss Favorite, Burg Alt-Eberstein, Altes Schloss Hohenbaden und Yburg sowie Burg Badenweiler, Burg Rötteln bei Lörrach und die Hochburg bei Emmendingen. Sie alle sind Stephan Hurst unterstellt. Zugegebenermaßen sind die Burgen weitgehend Ruinen und in den prächtigen Schlössern darf er nicht wohnen. Der 33 Jahre alte gelernte Diplomfinanzwirt hat als Leiter der Schlossverwaltung Rastatt aber die Schlüsselgewalt. Ihm öffnet sich jede Tür.

Dieses Erlebnis will er mit möglichst vielen Menschen teilen. «Mein Ziel ist vor allem, Bevölkerungsschichten anzusprechen, die sich bislang eher selten im Schloss blicken lassen», erzählt Hurst. Dabei denkt der gebürtige Offenburger, der seit drei Jahren in Rastatt arbeitet, vor allem an Senioren und Kinder. «Ältere Menschen scheuen oft die langen Strecken bei den Führungen. Für sie wollen wir jetzt verstärkt Stühle aufstellen, auf denen sie durchatmen können.»

Bei Kindern setzt er auf das Erleben. Schulklassen können im Stadtschloss Rastatt höfische Zeremonien nachspielen. Der 33 Jahre alte Verwalter öffnet eine Türe, hinter der sich Ständer mit historischen Kostümen verbergen. An der Wand hängen weiße Perücken, wie man sie auch Historienfilmen kennt. Das Ganze ist für Hurst kein Selbstzweck, sondern lebendiger Geschichtsunterricht. «Wir haben als Schlossverwalter einen Bildungsauftrag. Und wo lässt sich Geschichte besser lernen als am historischen Ort.»

Dabei will er dem Bedürfnis vieler Besucher entgegenkommen, die geschichtlichen Leistungen im wahrsten Sinne zu begreifen. «Wir haben hier unheimlich viel Stuck, den viele gerne berühren möchten, aber nicht dürfen. Ich überlege mir deshalb, ob wir irgendwo ein Stück Stuck zum Anfassen herbekommen.» Das Schloss Rastatt mit seiner Belétage und den Museen über Wehrkunde und die deutsche Freiheitsbewegung zählt pro Jahr im Schnitt 70 000 Besucher.

Den Bildungsauftrag fasst Hurst durchaus weit. Das Rastatter Schloss steht auch für Veranstaltungen offen, etwa zuletzt für den Mannheimer Comedian Bülent Ceylan, der geschickt Bezug auf den Auftrittsort nehmen konnte. Immerhin hat Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden das Schloss gebaut, besser bekannt als «Türkenlouis», der Ende des 17. Jahrhunderts die Türken vor Wien vertrieb. «Er würde sich im Grabe umdrehen, wenn er das hier sehen könnte», griff Ceylan dankend die Ironie der Geschichte auf.

Hurst lässt aber längst nicht jeden in oder vor das Schloss. Mittelaltermärkte etwa passten nicht vor die Barockkulisse und müssten draußenbleiben. «Ich sage öfters Nein als Ja, denn mit einer schlechten Veranstaltung ist der Ruf schnell ruiniert.»

Eine Gruppe nimmt er dagegen immer mit offenen Armen auf: Hochzeitspaare. Für sie hat er in diesem Jahr erstmals das «Porzellanschloss» Favorite am Rand von Rastatt geöffnet. An vier Tagen traute das Standesamt in historischer Kulisse. «Der Andrang war so groß, dass wir im kommenden Jahr acht Termine anbieten.»

All diese Aktionen spülen auch ein wenig Geld in die Kasse der Schlossverwaltung. Doch die Kosten für die Prunkkästen werden damit nicht annähernd gedeckt. «Wir haben in diesem Jahr die Fassade für 2,2 Millionen Euro saniert», erzählt Hurst und zeigt auf das Schloss, dass lachsfarben leuchtet. «Diese Dimension zeigt schon, dass sich ein Schloss finanziell nicht rechnen kann.» Der Wert seiner Schlösser und Burgen lässt sich für ihn nicht in Geld fassen. dpa