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Schwaben helfen Griechen beim Großreinemachen.
Schwaben helfen Griechen beim Großreinemachen © dpa
23.08.2013

Schwaben helfen Griechen beim Großreinemachen

Schwäbisch Hall/Athen (dpa/lsw) - Naxos hat ein Problem: Ein riesiger Müllberg droht von der griechischen Insel ins Meer zu rutschen. Das zu verhindern hat sich der Schwäbisch Haller Landrat Gerhard Bauer auf die Fahne geschrieben. «Die Frage war, wie kann das standsicher gemacht werden», sagt er.

Eine griechische Firma soll nun ein Konzept zur Stabilisierung entwickeln. Eingebunden in das Projekt ist ein Ingenieur aus Stuttgart, der auch die Abdeckung einer stillgelegten Deponie in Schwäbisch Hall verantwortet.

«Für uns ist das eine super Gelegenheit, endlich das Problem mit unserem Müll zu lösen», sagt der auf Naxos für die Müllabfuhr zuständige stellvertretende Bürgermeister, Emmanouíl Polykrétis. Er hofft, dass das Müllproblem spätestens bis Ende 2014 gelöst sein wird. «Wir hatten sieben offene Mülldeponien. Jetzt haben wir nur noch eine, und die soll mit der Hilfe aus der EU und dem Know-how aus Deutschland bald wie ein grüner Park aussehen.»

Andere Insel, gleiches Problem: An den Stränden von Ikaria stinkt es nach Müll. Gemäß EU-Recht seien die Deponien dort sogar illegal, sagt Bauer. «Die Griechen kennen auch keine Verbrennungsanlagen und kein Müllsortiersystem.» Damit ist nun Schluss: Inzwischen arbeitet Bauer mit vier griechischen Gemeinden im Kampf gegen Müll zusammen.

Lokalpolitiker aus den Urlaubsparadiesen waren auch schon zu einem Abfallworkshop im Ländle. «Wir haben ihnen gezeigt, wie wir Müll managen», erklärt der Landrat. Griechen kannten seinen Angaben zufolge bis dato keine Strategien zur Müllvermeidung. Bauer verdeutlicht das Problem: Während in seinem Landkreis jährlich gut 190 000 Menschen 20 000 Tonnen Restmüll produzieren, bringen auf Naxos 20 000 Menschen in etwa dieselbe Menge zusammen.

Aus Deutschland kämen bald 425 spezielle Mülltonnen, sagt Naxos Vize-Bürgermeister Polykrétis. «Denn wir wollen auch mit der Trennung von Müll beginnen.» Mit der Hilfe solle auch das Müllproblem für weitere vier kleinere Inseln gelöst werden.

Dass es nicht einer gewissen Ironie entbehrt, dass ausgerechnet die für ihre Kehrwoche berühmten Schwaben nun den Griechen Tipps beim Großreinemachen geben, räumt Bauer ein. Die Sache ist ihm aber sehr ernst. Wie wichtig sie ist, erläutert Hans-Joachim Fuchtel, der Griechenlandbeauftragte der Bundesregierung: «Als wir die Themen der Zusammenarbeit festgelegt haben, war das wichtigste Anliegen immer Müll - von der politischen Spitze bis auf kommunale Ebene.» Abfall sei ein noch größeres Anliegen als Tourismus und Arbeitslosigkeit.

«Vor einigen Jahrzehnten hat in Deutschland auch keiner gedacht, dass man Müll verbrennen kann, geschweige denn, damit Geld verdienen», sagt Fuchtel. Von Arbeitsplätzen ganz zu schweigen. Diesen Lernprozess wolle man nun in Griechenland verkürzen. Als er vergangenes Jahr in das Partnerland reiste, fragte er bei den baden-württembergischen Landräten, ob jemand mitkommen möge. So stolperte Bauer mehr oder weniger zufällig in die Müll-Kooperation.

Im Südwesten sind die Kreise für Müll zuständig. Entsprechendes Fachwissen ist da. So wurde auch von hier aus eine Firma gefunden, die kleine Verbrennungsanlagen herstellt - beispielsweise mit einer Kapazität von 6000 Tonnen im Jahr ideal für eine Insel wie Ikaria. Bloß die Sorge: «Die Griechen kannten nur die klassische Müllverbrennung, wenn der sich von selbst entzündet.» Die Angst vor giftigen Dämpfen hätten die schwäbischen Experten nehmen können.

Es ist nicht das einzige Projekt in Sachen Müll, das die deutsch-griechische Versammlung angestoßen hat. Laut Fuchtel wurde auch ein Computerspiel entwickelt, mit dem Schülern Müllsortieren beigebracht werden soll. Zudem helfe die deutsche Seite bei Förderanträgen an die EU. Finanziert werden meist nur Kosten für Fahrt und Logis, außerdem sind politische Stiftungen im Boot. «Das Ganze funktioniert mit einem hohen Maß an Idealismus und ehrenamtlichen Engagement», ergänzt der Griechenlandbeauftragte.

So klingt es auch bei Bauer: «Ich war als junger Mann öfters in Griechenland mit dem Rucksack unterwegs. Inselhopping. Und habe eine großartige Gastfreundschaft erlebt. Da wollte ich wirklich etwas zurückgeben.» Inzwischen ist er für die Haller Abfallexpertise bekannt. Das Projekt hat Strahlkraft, die Erfahrungen werden auch an andere griechische Kommunen weitergegeben.» Ob die noch Wünsche haben? Polykrétis sagt: «Wünsche haben wir viele. Aber irgendwann ist es auch genug. Wir schämen uns ständig, um etwas Neues zu bitten.»

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