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«„Sie kennen mich»“ steht auf einem Winfried Kretschmann-Wahlplakat für die Landtagswahl geschrieben. 

"Sie kennen mich": Kretschmann will im Gegensatz zu Merkel bleiben

Stuttgart. «Sie kennen mich». Kommt einem irgendwie bekannt vor, dieser Satz. Im Endspurt des Wahlkampfs in Baden-Württemberg prangen diese drei Worte auf den Plakaten von Winfried Kretschmann. Es ist eine Anleihe bei der derzeit wieder sehr populären Angela Merkel, die diesen legendären Spruch 2013 in ihrem Schlusswort im TV-Duell unterbrachte. Typisch. Der einzige grüne und zugleich wertkonservative Ministerpräsident in Deutschland kokettiert mit der von ihm so verehrten Kanzlerin und wildert kurz vor der wichtigen Landtagswahl zum Start des Superwahljahrs wieder in der Mitte.

Die Umfragen geben dem 72-Jährigen bisher recht. 65 Prozent der CDU-Anhänger im Südwesten wollen ihn als Regierungschef behalten - nur 22 Prozent trauen ihrer eigenen Kandidatin Susanne Eisenmann (56) den Posten zu. Das ist die energische Kultusministerin im Südwesten. 34 Prozent könnten Kretschmanns Grüne nach Umfragen holen, die CDU dümpelt bei 28 Prozent. Was ist da los im so bürgerlichen und reichen Südwesten? Ist die Messe schon gelesen?

Der Schwabe und Gesamtmetall-Chef Stefan Wolf wünscht sich Kretschmann sogar als Grünen-Kanzlerkandidat. Der konservative Trigema-Chef Wolfgang Grupp will am 14. März die Ökos wählen. Beide sagen, der Grüne habe das Land sehr gut und pragmatisch geführt und habe ein Ohr für die Wirtschaft. CSU-Chef Markus Söder verglich Kretschmann neulich - ausgerechnet beim CDU-Landesparteitag - mit Serienmeister Bayern München.

«Ja, heilig's Blechle», würde man da im Autoland wohl sagen. Das ist kein «Betriebsunfall» mehr, für den die Südwest-CDU den Durchmarsch der Grünen zweimal gehalten hat. Grün scheint das neue Schwarz in Baden-Württemberg zu sein. Kretschmann hat seine Partei in den zehn Jahren, in denen er erst mit der SPD und dann mit der CDU regierte, zu einer in der Mitte anschlussfähigen Volkspartei gemacht. Dabei läuft längst nicht alles super: Bei der Bildung ist das Land in den Ranglisten abgerutscht, der Klimaschutz ist noch ausbaufähig und die Autoindustrie droht den Anschluss an Tesla zu verlieren.

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Baden-Württemberg

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Zur Erinnerung: 58 Jahre hatte die CDU regiert, eine ähnliche Dynastie wie die der CSU im Nachbarland Bayern. Doch Stefan Mappus, konservativer Haudrauf, Atomkraft-Fan und Stuttgart-21-Durchdrücker, zog 2011 nach dem Super-GAU in Fukushima gegen Grüne und SPD den Kürzeren. Wohlgemerkt: trotz 39 Prozent für die CDU. Davon sind Eisenmann und CDU-Landeschef Thomas Strobl im Corona-Jahr 2021 meilenweit entfernt. Armin Laschet, neuer CDU-Vorsitzender und Möchtegern-Kanzlerkandidat hat vorsorglich ausrichten lassen, die Wahl sei reine Landessache.

Eisenmann ist in einer verzwickten Lage. Dabei müsste die CDU im Bund mit Merkel in der Corona-Krise eigentlich Rückenwind geben. Nur: Eisenmann ist für die Schulen zuständig, und das ist schon in normalen Zeiten nicht leicht. In der Corona-Krise sei das ein «Himmelfahrtskommando», sagt Matthias Jung, Chef der Forschungsgruppe Wahlen. Man könne es niemandem recht machen. Lange war die 56-Jährige kaum bekannt, dann brachte sie sich als Verfechterin offener Schulen («unabhängig von Inzidenzzahlen») ins Gespräch und kritisierte sogar Merkel. Sie steht unter Dauerbeschuss von Eltern, Lehrern, Schülern und Verbänden.

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Baden-Württemberg

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Da hat es Kretschmann als Corona-Krisenmanager der großen Linien einfacher. Er gibt den bedächtigen, fürsorglichen Landesvater. Zwar treibt Eisenmann ihn erfolgreich vor sich her, etwa wenn es um die Teststrategie oder Schulöffnungen geht. Aber auf ihr politisches Konto zahlt das bislang kaum ein. Dabei ist Kretschmanns Krisenkurs alles andere als frei von Widersprüchen und Pannen. Doch weil er so populär ist, greift ihn nur selten jemand persönlich an. Auch Eisenmann verliert kein schlechtes Wort über ihn. Im Gegenteil: Sie lobt Kretschmann neuerdings, erst gerade schwärmte sie von seinen «schönen philosophischen Ansätzen» und seinem «großen Weitblick». Bewirbt sich da jemand schon um die Rolle der Juniorpartnerin?

Eisenmann, von Freunden «Nanni» genannt, muss sich freistrampeln, wenn sie auf den letzten Metern noch an Kretschmann vorbeiziehen oder zumindest ein respektables Ergebnis holen will. Sie hat sich im Machtkampf um die Spitzenkandidatur so manche Feinde in der Partei gemacht, als sie mit Hilfe der Fraktion Vize-Ministerpräsident und Landeschef Strobl zur Seite drängte. Zwar halten ihre Kritiker im Land und im Bund noch still, doch viel Unterstützung kommt da nicht. Prompt ermahnte Eisenmanns politischer Ziehvater Günther Oettinger die eigenen Leute:

«Wahlkampf ist keine Schlafwagenveranstaltung.»

Und dann droht da noch mehr Ungemach für die CDU: Kretschmann hatte schon vor fünf Jahren nach seinem klaren Sieg die FDP angefragt, ob sie mit Grün-Rot eine Ampel bilden wolle. Im Gegensatz zu damals steht FDP-Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke heute bereit. Und ein CDU-Stratege mahnt, nicht länger auf eine Neuauflage von Grün-Schwarz zu hoffen: «Wenn Kretschmann die CDU beerdigen kann, wird er das tun.» Die müsste dann neben einer - wohl geschwächten AfD - die Oppositionsbank drücken.

Kretschmann könnte sich dann überlegen, ob er die vollen fünf Jahre durchziehen will. Oder das Zepter weitergibt. Nur an wen? Neulich brachte er Fraktionschef Andreas Schwarz ins Gespräch, der aber noch sehr im Schatten des Landesvaters steht. Oettinger stichelte jüngst: «Er ist müde geworden, das Amt ist eine Bürde für ihn geworden.» Und dann sei da noch die Brustkrebs-Erkrankung seiner Frau Gerlinde. Doch ob diese Zweifel bei den Wählerinnen und Wählern verfangen? Ein CDU-Grande ist sich sicher - aber in einem anderen Sinne: «Das bringt Kretschmann eher nochmal einen Mitleidsbonus.» Und so könnte er bis kurz vor seinem 78. Geburtstag weitermachen - während die sechs Jahre jüngere Merkel schon längst aus dem Kanzleramt ausgezogen ist.