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27.10.2010

Spektakulärer Goldraub vor Gericht

STUTTGART. Es war ein filmreifer Überfall auf einen Goldtransporter bei Ludwigsburg: Mitte Dezember 2009 locken fünf Männer einen Transporter mit Blaulicht von der Autobahn 81 bei Ludwigsburg in die Falle. Als Polizisten und Steuerfahnder verkleidet bringen sie die Mitarbeiter der Transportfirma aus Nürnberg in ihre Gewalt und verschwinden mit rund 120 Kilogramm Schmuck und Zahngold im Wert von 1,7 Millionen Euro.

Die Beute ist bis heute verschwunden. Seit Mittwoch müssen sich die mutmaßlichen Täter aus dem Raum Bonn vor dem Landgericht Stuttgart wegen schweren Raubes verantworten.

Zum Auftakt der Prozesses beantragte die Verteidigung, das Verfahren einzustellen. Noch bevor die Anklage verlesen war, unterbrach der Vorsitzende Richter die Sitzung bis zum nächsten Verhandlungstag.

So richtig in Fahrt kam das Verfahren am Mittwoch nicht. Gleich zu Beginn beantragten die Verteidiger von drei der fünf Angeklagten die Einstellung des Prozesses. Hintergrund ist nach ihren Angaben, dass die deutschen Ermittlungsbehörden mit kurdischen Ermittlern im Irak zusammengearbeitet haben sollen. Denn drei der mutmaßlichen Täter im Alter von 26 bis 28 Jahren hatten sich nach dem Ludwigsburger Raub in den Irak abgesetzt. Von den deutschen Behörden hätten die kurdischen Ermittler erfahren, dass die Männer wegen Raubes gesucht werden. Daraufhin seien die Verdächtigen in ein Gefängnis nach Erbil - der Hauptstadt des kurdischen Autonomiegebiets - gebracht und dort gefoltert worden.

Rund drei Monate lang sollen die drei deutschen Angeklagten - darunter zwei Rap-Musiker - vom kurdischen Geheimdienst „Asaisch“ verhört und gefoltert worden sein, wie ihre Anwälte weiter erklärten. Sie sprechen von Elektroschocks, Schlaf- und Lichtentzug, Schlägen und anderer Gewalt. Die deutschen Ermittler hätten dies durch die Zusammenarbeit mit „den Folterknechten“ in Kauf genommen. Die deutschen Behörden sollen sogar die Höhe der mutmaßlichen Beute preisgegeben und damit die Tortur regelrecht heraufbeschworen haben, monierte die Verteidigung weiter. Kritisiert wurde auch eine unrechtmäßige „kontrollierte Abschiebung“ der Männer vom Irak nach Deutschland. Sie habe „Züge einer Entführung“ gehabt.

Der Staatsanwalt erwiderte, dass Haft im Irak bekanntermaßen nicht deutschen Standards entspreche. Die Zeit in diesem Gefängnis müsse natürlich bei der Strafbemessung entsprechend berücksichtigt werden. „Dies ist aber nicht zwingend ein Verfahrenshindernis“, sagte er. Zudem hinterfragte er, warum die Beeinträchtigungen durch die angeführte Folter nicht schon früher geltend gemacht worden seien.

Das Gericht will nun Ärzte der 26- bis 28-Jährigen zu den Verletzungen befragen, die die Männer nach eigenen Angaben bei der Folter erlitten. Der Prozess soll am 8. November fortgesetzt werden.