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Die Studentin Elke Hennen arbeitet im Schaufenster eines Geschäftes in der Innenstadt von Karlsruhe. Viele Universitätsstädte im Südwesten haben zu Beginn des neuen Semesters mit Wohnungsnot zu kämpfen.
Im Südwesten platzen die Wohnheime aus allen Nähten © dpa
16.10.2012

Studentische Wohnungsnot - Zimmersuche auf Brötchentüten

Heidelberg/Karlsruhe. Kein Traumstart: Viele Studenten haben zum Semesterbeginn noch keine langfristige Bleibe gefunden. Im Südwesten platzen die Wohnheime aus allen Nähten.

Not macht erfinderisch: Im Südwesten greifen viele Universitätsstädte zu kreativen Mitteln, um Studenten bei der schwierigen Wohnungssuche zu helfen. Das ergab eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa.

In FREIBURG etwa werden auf 100 000 Brötchentüten einer Bäckerei Aufrufe für die Vermittlung privater Zimmer verteilt, wie eine Sprecherin des Studentenwerks sagte. Bei einer Plakataktion werben zudem Prominente wie Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) ebenfalls für private Bleiben - und das offensichtlich mit Erfolg. «Wir haben mehr private Zimmer in der Vermittlung gehabt als sonst», sagte die Sprecherin.

In diesem Wintersemester stellt die Universität Freiburg zusammen mit der Hochschulregion insgesamt 4400 Wohnheimplätze zur Verfügung, darunter sind drei neue Studentenwohnheime. «Die Wohnheime sind voll», sagte die Sprecherin weiter. Die Öffentlichkeitsarbeit und die Neubauten konnten dem Wohnungsmangel aber entgegenwirken.

Um auf die Wohnungsnot aufmerksam zu machen, wohnten Studenten in KARLSRUHE eine Woche lang im Schaufenster eines Ladens in der Fußgängerzone, und Mitte September legten sie sich bei einem Flashmob vor das Rathaus. Das Studentenwerk Karlsruhe stellte auch ein sogenanntes Speed-Dating zwischen Studenten und Vermietern auf die Beine. «Elf Zimmer und vierzig weitere Kontakte konnten wir damit vermitteln», sagte ein Sprecherin. Trotz 300 neuer Wohnheimplätze mussten auch hier Notunterkünfte organisiert werden.

Die größte Universität am Ort, das Karlsruher Institut für Technologie (KIT), erwartet einen Anstieg um 1000 auf 23 500 Studierende. Insgesamt sollen es 40 000 sein. «Für jedes Zimmer, das im November frei wird, gibt es zehn Bewerbungen», so eine Sprecherin.

Auch die Uni TÜBINGEN platzt aus allen Nähten. 6000 Erstsemester strömen in die Hörsäle. Insgesamt sind mehr als 27 000 Studenten eingeschrieben - so viele wie noch nie in der mehr als 500-jährigen Geschichte der Hochschule. «Die Lage ist sehr angespannt», sagte ein Studentenwerkssprecher. Die 3760 Wohnheimplätze waren ruckzuck weg.

Einen ungewöhnlichen Weg wählte auch Tübingen: Vor allem alte Menschen wurden vom OB Boris Palmer (Grüne) ermuntert, Wohnraum an Studenten zu vermieten. Der Clou ist, dass sie keine Miete, dafür aber Hilfe im Haushalt bekommen sollen. «Das hat insgesamt sehr gut funktioniert. Wir haben viele Zimmer angeboten bekommen», sagte der Sprecher weiter. Da es in den ersten Wochen immer noch Bewegung gebe, stünden auch noch Plätze in Notbleiben zur Verfügung.

Allein die Universität der Landeshauptstadt STUTTGART hat 5000 Studienanfänger. Das mache sich auf dem ohnehin angespannten Wohnungsmarkt bemerkbar, hieß es dort.

Auch an der Universität HOHENHEIM bei Stuttgart, deren Wohnheimplätze das Studentenwerk Tübingen vergibt, ist es nicht besser. «Die Lage ist angespannt, wir haben Notquartiere bereitstellen müssen», sagte ein Sprecher. Immer noch würden einzelne Studenten in Gemeinschaftsräumen in den Tübinger Wohnheimen unterkommen.

In HEIDELBERG haben sich gut 3000 Studenten erfolglos auf Wohnheimplätze beworben. «Absolut nicht normal», beklagte Studentenwerksleiter Rainer Weyand. Die doppelten Abiturjahrgänge und die ausgesetzte Wehrpflicht hätten sich aber schon im vergangenen Jahr bemerkbar gemacht. 30 200 junge Menschen sind eingeschrieben, so viele wie seit Beginn der 1990er Jahre nicht mehr. Es gibt mehr als 5500 Neuzugänge.

Zwar wurden in Heidelberg 1000 neue Wohnheimplätze geschaffen, aber das stehe in keinem Verhältnis zur Studentenzahl, sagte Weyand. Allerdings sollen im Sommersemester von US-Streitkräften genutzte Flächen in zivile Nutzung übergehen und so Raum für Wohnheime bieten. Das hilft den 70 Erstsemestern in einem Notquartier derzeit wenig. Für die erste Nacht zahlen sie acht, für jede weitere vier Euro.

In KONSTANZ startete das Studentenwerk die Aktion «Bildung sucht Raum» und wandte sich in einem offenen Brief an die Bürger, freie Zimmer an Studenten zu vermieten. Die Studenten selbst zogen kürzlich mit Matratzen, Kissen und Schlafbrillen auf die Konstanzer Marktstätte, um auf die Situation aufmerksam zu machen. 11 123 Studenten sind dort eingeschrieben. Es gibt 2500 Wohnheimplätze - etwa 1400 Studenten stünden aber noch auf der Warteliste.

Entspannter geht es in Mannheim und Ulm zu. An den verschiedenen Hochschulen in MANNHEIM studieren etwa 25 000 Menschen. «Jeder sollte untergekommen sein», sagte die Sprecherin des Studentenwerkes, Astrid Brandenburger. Die Universität Mannheim hatte die Semesterzeiten als erste deutsche Uni an den internationalen Rhythmus angeglichen - dort hat das Semester deshalb schon im September angefangen. Rund 3600 Studierende hätten sich im Herbstsemester neu eingeschrieben.

Notunterkünfte mit Feldbetten gibt es zwar auch in der Donaustadt ULM, aber die sind bei weitem noch nicht ausgelastet. «Es ist in Ulm nicht so dramatisch», sagte Dirk Rettweiler vom Studentenwerk. Doch auch hier sind die Wohnheimplätze längst weg. Ein Neubau mit 300 weiteren Plätzen soll im nächsten Jahr fertig werden.