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Friedlich wurde die Sitzblockade vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof aufgelöst. © dpa
Kräfteraubend, aber friedlich: Die Auflösung der Stuttgart-21-Sitzblockade. © dpa
Gegner des umstrittenen Bahnprojekts Stuttgart 21 blockieren am Freitag die Straße vor dem Südflügel des Hauptbahnhofs in Stuttgart. Die Räumung der Straße am Schloßgarten vor dem Südflügel ist eine vorbereitende Maßnahme zum Abriss des Südflügels. Die Räumung des Zeltdorfs im Schloßgarten soll zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen. © dpa
13.01.2012

Stuttgart 21: Polizei löst Sitzblockaden friedlich auf

Stuttgart. Ohne größere Zwischenfälle haben fast 2000 Polizisten am frühen Freitagmorgen den Weg frei gemacht für den nächsten Bauabschnitt des Bahnprojekts Stuttgart 21. Mehrere hundert Demonstranten protestierten friedlich gegen den geplanten Abriss des Südflügels am Stuttgarter Hauptbahnhof. Die Polizei löste Sitzblockaden und Barrikaden auf und sperrte das Gelände mit Gittern ab. Zwei S-21-Gegner wurden wegen Besitzes von Pfefferspray und einer Beleidigung festgenommen.

Bildergalerie: Stuttgart 21: Polizei löst Sitzblockaden auf

Rund 600 Demonstranten hatten sich nach Polizeiangaben gegen 1.00 Uhr vor dem Südflügel getroffen, um den Weg zu versperren. Die Initiative «Parkschützer» sprach von knapp 1000 Teilnehmern. Als die Polizisten um kurz nach 3.00 Uhr anrückten, bildeten viele Demonstranten Sitzblockaden. Mit Trompeten spielten einige die deutsche Nationalhymne. Andere riefen: «Oben bleiben!», «Schämt euch!» und «Kretschmann weg!». Von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hatten sich die S-21-Gegner auch nach der Ende November verlorenen Volksabstimmung mehr Engagement gegen das Milliardenprojekt erwartet.

Viele Polizisten liefen zunächst an den sitzenden Demonstranten und den aus Holz und Möbeln errichteten Barrikaden vorbei. Bis in die Morgenstunden blieb es zwischen Polizei und S-21-Gegnern ruhig. «Die Polizei hat die Lage im Griff», sagte Stuttgarts Polizeipräsident Thomas Züfle, der selbst vor Ort war. Er sei zufrieden mit dem Einsatz. Die Bahn und die «Parkschützer» äußerten sich ähnlich. «Ich bin zufrieden, dass nichts eskaliert ist», sagte Eckhart Fricke, der Bahnbevollmächtigte für Baden-Württemberg.

Gegen 7.30 Uhr waren die Sitzblockaden weitgehend beendet. Zwei Demonstrantinnen hatten sich mit Fahrradschlössern an ein Fenstergitter des Südflügels gekettet. Die Polizei begann damit, die beiden Frauen freizuflexen.

In den kommenden Tagen und Wochen soll der Südflügel zunächst von innen entkernt und dann abgerissen werden. Der Nordflügel war bereits im August 2010 abgetragen worden. Die Projektgegner kritisierten, der Abriss des Südflügels sei für den Ablauf des S-21-Weiterbaus derzeit nicht nötig. Das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 forderte die sofortige Aussetzung der Bauarbeiten am Südflügel. Viele rechtliche Fragen seien noch nicht geklärt, erklärte der Sprecher Hannes Rockenbauch.

Die Polizei hatte die Aktion generalstabsmäßig geplant. Sie setzte mehrere Anti-Konflikt-Teams und Kommunikationsmanager ein. Mit Leuchtschrift-Laufbändern rief die Polizei die Demonstranten auf: «Verlassen Sie den abgesperrten Bereich.» Viele S-21-Gegner, von denen mehrere Aufkleber mit der Aufschrift «DB-Kunde» trugen, blieben zunächst unbeeindruckt sitzen. Mit Trommeln und Trillerpfeifen protestierten sie lautstark. An einem Café gab es heißen Kaffee und Tee. Ein Lagerfeuer sollte Wärme spenden.

Zu einer Eskalation wie bei den Baumfällarbeiten am 30. September 2010 sollte es nicht kommen. Damals hatte die Polizei Wasserwerfer und Pfefferspray eingesetzt; mehr als 100 Menschen wurden verletzt. Die grün-rote Landesregierung wollte erneute Bilder von blutenden und weinenden Demonstranten unbedingt vermeiden.

Matthias von Herrmann, Sprecher der «Parkschützer», sagte, im Vergleich zum «Schwarzen Donnerstag» im September 2010 habe es diesmal deutlich weniger Hektik bei der Polizei gegeben. Der Einsatz sei insgesamt besser geplant gewesen.

Um mehr Transparenz zu bieten, hatte die Polizei ausgewählte Journalisten eingeladen, den Einsatz eng zu begleiten und hinter die Kulissen blicken. Aber auch viele andere Journalisten bekamen Zutritt zum abgesperrten Bereich der Baustelle. Zu einer Einflussnahme oder einer Behinderung der Berichterstattung kam es nicht.

Ursprünglich hatte die Bahn geplant, Anfang Januar auch die Bäume im Schlossgarten neben dem Südflügel zu fällen, um den Trog für den geplanten unterirdischen Durchgangsbahnhof ausheben zu können. Die Stadt hatte daher die S-21-Gegner aufgefordert, ihre Zelte in dem Park zu verlassen. Die polizeiliche Räumung des Camps wurde aber verschoben, weil für das Fällen der Bäume bisher keine Genehmigung vorliegt. Die Bahn muss zuvor noch Naturschutzauflagen erfüllen. dpa

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