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Mitarbeiter der Stadt Stuttgart stellen an der Cannstatter Straße ein erstes Teststück einer Mooswand auf. Foto: dpa
Mitarbeiter der Stadt Stuttgart stellen an der Cannstatter Straße ein erstes Teststück einer Mooswand auf. Foto: dpa
24.11.2016

Stuttgart kämpft mit Moos gegen Feinstaub

Was hat Stuttgart nicht schon alles probiert, um der extremen Belastung der Luft mit Feinstaub Herr zu werden. Ein Durchfahrtsverbot für Lastwagen gibt es, Tempolimits, eine Umweltzone, mehr Busse und Bahnen. Ein „Drecksloch“ bleibt der schwäbische Talkessel dennoch, wie es mal im ARD-Krimi „Tatort“ hieß. Die Luftverschmutzung bleibt exorbitant. Da wirkt es wie ein Akt der Verzweiflung, dass man jetzt die Natur zu Hilfe ruft: Eine Mooswand soll den Dreck aus der Luft filtern.

Dass die feingliedrige Landpflanze mit Millionen kleinen Blättchen durchaus dazu in der Lage ist, ultrafeine Teilchen des Feinstaubs sozusagen aus der Luft zu filtern, da ist sich die Wissenschaft einig. Stuttgart stützt sich auf Erkenntnisse von Forschern der Uni Bonn. Zum einen könne die extrem große Oberfläche der Moose den Feinstaub elektrostatisch festhalten, heißt es bei der Stadt. Zum anderen könnten die Moose etwa Ammoniumnitrate, die bis zu 50 Prozent des Feinstaubs ausmachen, aufnehmen und in Pflanzenmasse umwandeln.

„Ob sie aber tatsächlich in der Lage sind, die Luftqualität an einer Straße zu verbessern, wollen wir hier testen“, erklärt Professor Jan Knippers vom Institut für Tragkonstruktionen und Konstruktives Entwerfen der Uni Stuttgart, wo die Wand entwickelt wurde. Aufgestellt sind bisher zwei wenige Meter lange Teststücke, bis März soll dann die komplette Wand auf einer Länge von 100 Metern stehen. Im Grunde handelt es sich um ein Aluminiumgestell, an dem Moosmatten festgeschraubt sind.

Wenige Meter weiter befindet sich eine Schadstoffmessstation, die seit Jahren bundesweit Schlagzeilen macht: Das Neckartor, eine mächtige Straßenkreuzung nahe der City, ist Deutschlands unangefochtener Feinstaub-Hotspot. Die EU-Grenzwerte werden hier auch in diesem Jahr wieder gerissen, die für Stickstoffdioxid ohnehin. An vier Messpunkten nahe der Mooswand wird im kommenden Jahr untersucht, zu was die Landpflanze fähig ist.

„Kompletter Blödsinn“ sei der Test mit der Mooswand, heißt es derweil bei der Deutschen Umwelthilfe (DUH), die seit Jahren vor Gericht für bessere Luft in den Städten kämpft. Schön anzusehen, aber wirkungslos sei das Projekt – und das wisse die Stadt genau. Wer die Luft nachhaltig verbessern wolle, müsse Fahrverbote aussprechen. Machten die Städte das nicht, würden sie eben gerichtlich dazu gezwungen, kündigt DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch an.