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© dpa
03.11.2015

Stuttgart-21: Bahn erwägt neue Fluchtwege für Tiefbahnhof - Kritik am Brandschutz

Stuttgart. Während der langen Planung des umstrittenen Stuttgart-21-Tiefbahnhofs hat es schon häufiger Korrekturen gegeben. Fluchtwege und Brandschutz bleiben ein heißes Eisen - und wohl auch mit der Frage der Standsicherheit muss sich jetzt eine Spitzenrunde befassen.

Nach jahrelangen Debatten um Brandschutz und Fluchtwege im geplanten Stuttgart-21-Tiefbahnhof erwägt die Deutsche Bahn neue Lösungen. Der Architekt Christoph Ingenhoven und Behindertenverbände haben Bedenken gegen die bislang geplanten acht Flucht-Treppenhäuser angemeldet, wie ein Bahnsprecher am Dienstag in Stuttgart erläuterte. Während der Architekt dieses Konzept aus ästhetischen Gründen ablehne, sorge es aus Sicht der Menschen mit Handicap für Engpässe auf den Bahnsteigen. Eine Spitzenrunde, die wenige Male im Jahr zusammenkommt, wird sich an diesem Mittwoch mit den Bauarbeiten für das umstrittene Milliarden-Projekt befassen.

Die Bauherrin Bahn überlegt, die Fluchtmöglichkeiten jeweils am Ende der vier rund 400 Meter langen Bahnsteige einzurichten. Das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 hält nichts von der neuen Idee und fragt: «Soll der Brandschutz nur für leistungsfähige Sprinter greifen, denen Hunderte Meter Entfernung im Brandfalle nichts ausmachen?» Die Bahn versichert im Blick auf längere Wege für die Reisenden, es werde auch bei der Entrauchung des Gebäudes Änderungen geben. Der Bahnsprecher sprach von einer neuen «Belüftungssituation», ohne Details zu nennen. Er wies darauf hin, dass für die bisherige Planung eine Baugenehmigung vorliege. Die Bahn gehe im Falle der Umplanung weder von Mehrkosten über die bisher kalkulierten 6,5 Milliarden Euro hinaus noch von Zeitverzögerungen aus.

Für die von Behindertenvertretern stets geforderten Rampen als Fluchtwege fehlt der Platz im Tiefbahnhof. Laut Bahn gibt es aber für Rollstuhlfahrer Lifte, die auch im Brandfall benutzt werden können. Das Thema Brandschutz, das auch für den über 20 Meter tiefen Fernbahnhof am Flughafen Stuttgart von großer Bedeutung ist, wird den Stuttgart-21-Lenkungskreis beschäftigen. Die Spitzenrunde mit Vertretern von Bahn, Verkehrsministerium, Projektgesellschaft, Stadt und Region Stuttgart trifft sich an diesem Mittwoch in Stuttgart.

Dabei wird Bahnvorstand Volker Kefer über den Stand der Bauarbeiten bei Stuttgart 21 und der Neubaustrecke nach Ulm berichten. Weitere Themen sind der Schutz vor Luftverunreinigungen während der Bauphase und der Fortschritt bei der Genehmigung der Bauabschnitte am Flughafen.

Die Stadt Stuttgart interessiert sich vor allem für den Nachweis der Standsicherheit des unterirdischen Bahnhofs. Kürzlich war bekanntgeworden, dass die Bahn noch nicht die nötigen Statik-Nachweise für die Betonierung der Bodenplatte des Tiefbahnhofs erbracht hat. Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) hatte sich irritiert gezeigt und verlangt, dass die Bahn ihre «Hausaufgaben» macht. Er forderte spätestens beim Lenkungskreis Aufklärung darüber, ob und welche Folgen dies für den Zeitplan habe. Die ersten Züge sollen laut Bahn Ende 2021 durch den Tiefbahnhof rollen.

Aus Sicht der Stuttgart-21-Gegner ist der fehlende Nachweis nicht verwunderlich. Es sei seit langem bekannt, dass der neue Bahnhof auf sumpfigen Untergrund geplant sei, sagte der Sprecher der Parkschützer, Matthias von Herrmann. Dafür werden mehrere Hundert Ankerungspfähle in den Untergrund gerammt. Schon vor Jahren hatte der Stuttgarter Architekt Frei Otto das Horrorszenario eines Bahnhofs, der «wie ein U- Boot aus dem Meer» hochsteigen könnte, beschworen - ein Szenario, dessen Realitätsgehalt allerdings Ingenhoven vehement bestreitet.

Nach Auskunft der Bahn wird im Dezember mit drei Monaten Verspätung die erste Bodenplatte in einer Größe von 80 auf 40 Meter gegossen. Die Richtlinien unter anderem zur Erdbebensicherheit hätten sich so geändert, dass nun der Nachweis der statischen Unbedenklichkeit, nicht nur für das eine, sondern auch für die beiden benachbarten Segmente erbracht werden müsse. Auf der insgesamt 420 mal 80 Meter großen Bodenplatte setzen die Beton-Kelche auf, die das Dach des Bahnhofs tragen.