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Der Angeklagte Samy W. will nicht erkannt werden und verbirgt sein Gesicht hinter einer Tageszeitung. Verteidigt wird er vor dem Oberlandesgericht in Stuttgart von seinem Anwalt C. Mark Höfler. Foto: dpa
Der Angeklagte Samy W. will nicht erkannt werden und verbirgt sein Gesicht hinter einer Tageszeitung. Verteidigt wird er vor dem Oberlandesgericht in Stuttgart von seinem Anwalt C. Mark Höfler. Foto: dpa
05.09.2016

Terrorprozess ohne Öffentlichkeit: War 20-jähriger Südbadener ein IS-Mitglied?

Stuttgart. Er ist kaum 1,60 Meter groß, eher schmächtig und wirkt schüchtern. Dass sich dieser Mann, gerade mal 20 Jahre alt, in Syrien zum Terrorkämpfer des „Islamischen Staats“ (IS) ausbilden ließ, ist kaum zu glauben. Es ist aber so: Im Prozess vor dem Oberlandesgericht Stuttgart wurde dem 20-Jährigen aus Südbaden am Montag die Mitgliedschaft in der Terrorvereinigung vorgeworfen. Laut Gericht droht ihm eine Haftstrafe von bis zu zehn Jahren. Der Prozess könnte bis zum 23. Dezember dauern.

Viel wurde nicht über Samy W. bekannt – zumal die Öffentlichkeit auf Antrag seines Verteidigers kurz nach Beginn für wesentliche Teile des Verfahrens mit zunächst 27 Terminen ausgeschlossen wurde. Wenn sich der Angeklagte aus dem südbadischen Waldshut-Tiengen, seine Familie oder der Gutachter äußern, werde nicht öffentlich verhandelt, teilte der Vorsitzende Richter Herbert Anderer mit. Begründet wurde das mit dem Persönlichkeitsschutz und einer drohenden Stigmatisierung des Mannes, der größere psychische Probleme haben und unter einer Entwicklungsstörung leiden soll. Eine Weile sei gar nicht klar gewesen, ob er überhaupt verhandlungsfähig sei, sagte Richter Anderer.

Der Anklage zufolge kam der 20-Jährige Anfang 2015 über Bulgarien und die Türkei nach Syrien. Dort schloss er sich demnach direkt den Terroristen an, ließ sich 20 Tage lang an verschieden Waffen ausbilden und einer IS-Kampfeinheit zuordnen. Bereits seit 2013 – zu Schulzeiten – habe er sich mit islamistischem Gedenkengut befasst, sagte Oberstaatsanwalt Steffen Haidinger. Sowohl mit der Ideologie als auch mit der Handlungsweise des IS habe er sich identifiziert.

Angeblich aus Sorge um seine kranke Mutter und auf Druck seines Vaters soll der junge Mann Syrien verlassen haben. Den Angaben zufolge gelang ihm die Flucht in die Türkei, wo er verhaftet wurde. Nach seiner Abschiebung wurde er auf dem Flughafen Stuttgart festgenommen. Er ist inzwischen auf freiem Fuß.

Auf der Zeugenliste für den Prozess am Oberlandesgericht stehen zunächst Familienangehörige. Im späteren Verlauf werden aber auch Polizisten, Schulfreunde und Zeugen von Bundesnachrichtendienst und Bundeskriminalamt gehört.