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Ein Terrorverdächtiger behauptet, in Syrien unfreiwillig in ein Trainingslager gekommen zu sein. Zum Ziel der Islamistenmiliz bekennt er sich vor dem Oberlandesgericht aber: den Sturz von Syriens Machthaber Baschar al-Assad.
Terrorverdächtiger © dpa
12.11.2014

Terrorverdächtiger vor Gericht: «Ich hatte die Hosen voll»

Humanitäre Hilfe, das soll das Ziel seiner Reise nach Syrien gewesen sein. Der Hauptangeklagte im Terrorprozess vor dem Stuttgarter Oberlandesgericht hat am Mittwoch behauptet, nach seiner Ankunft in Syrien in ein militärisches Trainingslager gebracht worden zu sein. «Ich hatte die Hosen voll», sagte Ismail I. am zweiten Verhandlungstag.

Dem 24-Jährigen wird Unterstützung und Mitgliedschaft in der Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) vorgeworfen. Die Unterstützung aus Deutschland für radikal-islamische Kämpfer in Syrien alarmiert die Behörden seit langem. Die Polizei hat erst am Mittwoch neun Männer im Großraum Köln festgenommen.

Ausführlich schilderte der Angeklagte, wie er Mitte 2013 mit einem Schleuser von der Türkei aus nach Syrien gelangte und nach einer Kampfausbildung einer Miliz zugeteilt wurde. «Ich habe mich nicht getraut, etwas zu sagen.» Gekämpft habe er nicht - auf der Militärbasis sei er für den Großteil der drei Wochen, die er dort verbrachte, zum «Küchendienst verdonnert worden», sagte der 24-Jährige. Seine Unterstützung der Miliz gegenüber bestritt er aber nicht: «Ich wollte, dass die Assad platt machen», sagte er über die Kämpfer.

Laut Anklage hat der 24-Jährige Wachdienste absolviert und soll auch an einem Häuserkampf bei Aleppo gegen Truppen des syrischen Machthabers Baschar al-Assad beteiligt gewesen sein. Zusammen mit Ismail I. müssen sich auch sein 34-jähriger Bruder Ezzedine I. und ein weiterer Mitangeklagter, Mohammad Sobhan A. (38), wegen Unterstützung der IS vor Gericht verantworten. Sie sollen der Anklage zufolge dem 24-Jährigen nach seiner Rückkehr nach Deutschland bei der Beschaffung von Ausrüstung für die Kämpfer unterstützt haben. Das Trio flog im November 2013 auf, nachdem das Personal eines Geschäfts für Jagdzubehör bei dem Kauf eines Nachtsichtgerätes stutzig geworden war.

Seine Syrienmission begründete Ismail I. beim Prozessauftakt in der vergangenen Woche mit dem Trauma, das der syrische Machthaber al-Assad und sein Vater seiner Familie zugefügt haben sollen. Ismail I. ist der Sohn einer Syrerin und eines Libanesen - seine Familie kam Anfang der 90er Jahre nach Deutschland. Der Angeklagte erzählte, dass sein sein Bruder bei einem Raketenangriff der syrischen Armee im Libanon umgekommen sei. Auslöser für seinen Entschluss sei aber das Treffen mit einem «Seelenfänger» auf Pilgerreise in Mekka gewesen, der ihm ein schlechtes Gewissen eingeredet habe. Auch durch Kontakte in Deutschland - unter anderem mit dem Salafisten Sven Lau - habe er Anschluss in der Türkei und Syrien gefunden.

In Köln und Umgebung wurden neun Männer im Alter zwischen 22 Jahren und 58 Jahren festgenommen, die Teil eines «dschihadistischen Unterstützernetzwerks» sein sollen. Das teilte die Staatsanwaltschaft in Köln am Mittwoch mit. Den Festgenommenen wird die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat vorgeworfen. Mit Einbrüchen vor allem in Kirchen und Schulen in mehreren Städten in Nordrhein-Westfalen sollen sie die Ausreise von kampfeswilligen Gesinnungsgenossen finanziert und islamistische Kämpfer in Syrien unterstützt haben. Zwei der Verdächtigen sollten noch am Mittwoch einem Haftrichter beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe vorgeführt werden. Sie sollen den «Islamischen Staat» unterstützt haben.

Ob und wie Ismail I. mit dem IS in Verbindung steht, ist noch unklar. Der 24-Jährige behauptete, er sei einer Gruppe namens «Emirat Kafka» («Kaukasus-Emirat») zugeteilt worden, die mit der Freien Syrischen Armee kooperiert habe. Ob er Mitglied des IS war oder sich der Miliz «Dschaisch al-Muhadschirin wal-Ansar» (JMA/Armee der Auswanderer und Unterstützer des Propheten) anschloss, will die Anklage prüfen. JMA ist Ende 2013 in dem IS aufgegangen.