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komasaufen © dpa-Archiv
19.08.2010

Testkäufer im Kampf gegen jugendliches Komasaufen

Immer mehr Jugendliche im Südwesten landen sturzbetrunken im Krankenhaus - 4500 im vergangenen Jahr. Den Alkohol bekommen sie oft problemlos, aber illegal im Supermarkt. Im Kampf gegen Alkoholmissbrauch setzen immer mehr Städte jugendliche Testkäufer ein und überprüfen die Einhaltung des Jugendschutzes. Nicht so in Pforzheim. Die ersten Erfahrungen in anderen Städten sind hingegen erschreckend.

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Einfach den Flachmann auf das Laufband an der Kasse legen, bezahlen und wieder aus dem Geschäft marschieren - das geht oft kinderleicht. Alterskontrollen gibt es längst nicht überall; die Verkäufer drücken gerne ein Auge zu.

Als eine der ersten Städte schickte Heilbronn im Juni 17-Jährige auf Einkaufstour in 40 Läden. In 16 Fällen wurde Anzeige erstattet, weil die Verkäufer ihnen branntweinhaltige Getränke verkauft hatten. 24 Verkäufer hielten sich an die Vorschriften und verlangten einen Ausweis.

In Stuttgart steht eine Testaktion nach Angaben der Stadt unmittelbar bevor. In Mannheim sollen die ersten Testkäufer im Herbst losgeschickt werden. Die Stadt Rastatt ist noch in den Planungen; in Ludwigsburg diskutieren Stadtverwaltung und Kreisjugendamt gerade über das Thema, ebenso in Weinheim (Rhein-Neckar-Kreis).

In Karlsruhe, Pforzheim, Sigmaringen, Bruchsal und Baden-Baden sind keine Tests geplant. Auch die Stadt Heidelberg zeigt sich skeptisch: "Wir setzen derzeit weiter auf Prävention", sagte Sprecherin Heike Dießelberg. Wichtig seien die regelmäßigen Kontrollen des Ordnungsdienstes in der Altstadt und den angesagten Jugendtreffs.

Erschreckend war das Ergebnis von Testkäufen in Radolfzell (Kreis Konstanz). Dort war im Juli einer 17-Jährigen Auszubildenden der Stadtverwaltung in vier von sechs getesteten Geschäften anstandslos hochprozentiger Alkohol verkauft worden. Als die Verkäufer später gefragt wurden, sagten fast alle, sie hätten die junge Frau auf mehr als 20 Jahre geschätzt. Dabei hatte die Stadt nach eigenen Angaben extra eine junge Frau mit "objektiv jugendlichem Aussehen" eingesetzt.

Andere Städte glauben, mit Aufklärung besser zu fahren. Friedrichshafen etwa verweist auf eine Informationskampagne an Tankstellen. "Wenn jemand überzeugt werden kann, ist das besser, als ihm eine Anzeige aufzubrummen", sagte ein Polizeisprecher in der Bodenseestadt. Mit Flugblättern und Thekenaufstellern habe man bei den Tankstellen-Betreibern für den Jugendschutz geworben. Die Erfahrung zeige aber, dass Hochprozentiges oft ohnehin von über 18- Jährigen gekauft und dann an die Jüngeren in der Clique weitergegeben werde.

Auch Tübingen und Reutlingen lehnen die Testkäufe ab. "Wir glauben, dass es der falsche Weg ist, Jugendliche in solche Situationen zu bringen", sagte eine Sprecherin der Stadt Tübingen. Der Leiter des Reutlinger Ordnungsamtes, Albert Keppler, meinte: "Wir erreichen das Ziel auch anders. Es gibt eine Menge Testkäufer ohne Lizenz, die ohnehin unterwegs sind." Oft wiesen Anwohner und Eltern die Behörden darauf hin, wo gegen das Verkaufsverbot verstoßen werde. "Wir haben gute Erfolge ohne das fragwürdige Instrument des Testkäufers", sagte Keppler.

Baden-Württembergs Gesundheitsministerin Monika Stolz (CDU ) sagte: "Alkoholmissbrauch bei Minderjährigen ist oft das traurige Resultat einer verantwortungslosen Erwachsenenwelt, die Jugendlichen in falsch verstandener Liberalität den Zugang zu Alkohol ermöglicht." Wer branntweinhaltige Getränke an Kinder oder Jugendliche abgebe, handle unverantwortlich und müsse belangt werden.

Die Ministerin, die den Testkäufen ursprünglich sehr kritisch gegenüberstand, hat für sie strenge Auflagen erlassen: Die Jugendlichen müssen mindestens 16 Jahre alt sein. In der Regel sollen Auszubildende oder Beamtenanwärter der Kommunen oder Polizeianwärter eingesetzt werden. Erziehungsberechtigte und die Jugendlichen selbst müssen einverstanden sein. Die Testkäufer müssen von einer erwachsenen Amtsperson begleitet werden und dürfen nicht in ihrem sozialen Umfeld einkaufen gehen.

Ein Bußgeldkatalog des Gesundheitsministeriums empfiehlt 500 bis 3500 Euro pro Fall, für Verkäufe von Bier und Hochprozentigem an unter 16-Jährige sogar von 1000 bis 4000 Euro. Die Landeshauptstadt will bei ihren Testverkäufen unter diesen Werten bleiben. "Ab 150 Euro" kann es kosten, wenn das Jugendschutzgesetz missachtet wird, heißt es bei der Stadt. Bezahlen muss entweder der Ladeninhaber oder der Verkäufer.

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