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Ein Sarg wird nach dem Familiendrama in Villingendorf in einen Leichenwagen gehoben. Foto: Marijan Murat
Im kleinen Örtchen Villingendorf in Baden-Württemberg werden drei Menschen erschossen. Die Polizei geht von einer Beziehungstat aus - und fahndet mit mehr als 50 Beamten nach dem mutmaßlichen Täter. © dpa
15.09.2017

Tod am ersten Schultag - Vater nach Schüssen auf der Flucht

Villingendorf. Der Sechsjährige stirbt am Abend seiner Einschulung. Am Donnerstagmorgen noch, wenig Stunden zuvor, bricht er mit Schultüte und gemeinsam mit seiner Mutter und deren Partner zur Grundschule in Villingendorf auf, wie eine Nachbarin berichtet. Den ersten offiziellen Schultag am Freitag erlebt der Junge nicht mehr.

Der Junge, der neue Partner der Mutter und eine weitere Frau sterben bei einem Familiendrama in einer ruhigen Wohngegend. Der Täter - vermutlich der Vater des Kindes - eröffnet unvermittelt das Feuer. Er ist auch am frühen Freitagnachmittag noch auf der Flucht. Nachbarn erzählen, es habe zuvor eine Art Party in dem Haus gegeben, wo die Familie in einer Einliegerwohnung lebte. Möglicherweise, um die Einschulung zu feiern.

Schmucke Einfamilienhäuser, gepflegte Blumenrabatten und Willkommensschilder prägen das Gebiet, in dem die Familie seit dem Frühjahr wohnte. Am späten Donnerstagabend verwandelt sich die Idylle in einen Alptraum: Die Nachbarin von gegenüber erzählt, die Mutter habe auf der Flucht hilferufend bei einer anderen Nachbarin geklingelt und sei von dieser aufgenommen worden.

Vermutlich wird so ihr Leben gerettet. Sie befindet sich laut Polizei in psychotherapeutischer Betreuung. Ein weiterer Nachbar erzählt von seinem Untermieter, der ihn alarmiert habe, weil er nicht nur Hilferufe, sondern auch Geschrei eines Mannes gehört habe.

Was folgt, ist eine aufwendige Suche nach dem mutmaßlichen Täter. Polizisten durchkämmen wieder und wieder die Gärten, suchen per Helikopter mit der Wärmebildkamera nach dem Flüchtigen. Auch bei Tageslicht setzen die Beamten ihre Suche fort.

Es gibt Hinweise aus der Bevölkerung, in einem nahen Waldgebiet seien im Morgengrauen Schüsse gefallen. Am Freitagmittag sind mehr als 100 Kräfte an der Suche beteiligt. Auch die Bereitschaftspolizei Bruchsal ist dabei sowie Hundeführer.

Vor Ort sind auch die örtliche Feuerwehr und die Notfallseelsorge. Im Garten des Hauses sind Experten in weißen Overalls auf Spurensuche. Weder der Mann noch die Tatwaffe werden bis zum Freitagnachmittag entdeckt. Ausschließen kann die Polizei, dass es sich um einen Sportschützen mit leichtem Zugang zu Waffen handelt.

Der Bürgermeister des Ortes mit 3300 Einwohnern, Karl-Heinz Bucher (CDU), zeigt sich fassungslos: «So etwas hatten wir noch nie in unserer friedlichen Gemeinde.» Eine weitere Nachbarin der Opferfamilie bestätigt das: «Hier kann man ohne Bedenken nachts spazieren gehen.» Deshalb habe sie die Geräusche zur Tatzeit auch nicht richtig eingeordnet: Der Wind habe wohl Mülleimer umfallen lassen. Dass es sich um Schüsse gehandelt habe, sei ihr erst später klar geworden. Sie kämpft mit den Tränen: «Mein Neffe ist gestern auch eingeschult worden.»