nach oben
Einsätzkräfte sichern am 30.05.2016 Spuren rund um einen Kanalschacht in einer mit Schlamm bedeckten Straße in einer Bahnhofsunterführung in Schwäbisch Gmünd (Baden-Württemberg). Nach heftigen Regenfällen sind hier zwei Menschen ums Leben gekommen. © dpa
Ein Fahrzeug der Straßenmeisterei Biberach steht auf der B312 zwischen Biberach und Ringschnait (Baden-Württemberg). Ein heftiges Unwetter hat die Fahrbahn unterspült und diese unpassierbar gemacht. Foto:Thomas Warnack/dpa
Ein Fahrzeug steht in Schwäbisch Gmünd auf einer überfluteten Straße im Schlamm. Nach starken Regenfällen wurden zahlreiche Unterführungen und Straßen überschwemmt. Foto: Sven Friebe/dpa
30.05.2016

Tod in den Fluten - Unwetter zieht Spur der Verwüstung durch Baden-Württemberg

Bei schweren Unwettern und Überschwemmungen in Süddeutschland sind mindestens drei Menschen ums Leben gekommen. In Schwäbisch Gmünd starb ein Feuerwehrmann beim Versuch, einen Menschen zu retten, der letztlich nur noch tot geborgen werden konnte. In Weißbach im Hohenlohekreis kam ein 60 Jahre alter Mann in einer überschwemmten Tiefgarage ums Leben. Auch in Bayern - vor allem in Mittelfranken - richteten Unwetter massive Schäden an.

Überschwemmungskarte

Jetzt ist es traurige Gewissheit: Bei dem schweren Unwetter in Schwäbisch Gmünd sind zwei Männer ums Leben gekommen. Nach Angaben der Polizei wurden ihre Leichen am Mittag aus einem Kanal geborgen. Ein 21-Jähriger aus Schwäbisch Gmünd war am Sonntagabend in einer Bahnunterführung durch Wassermassen umgeworfen und in einen Kanalschacht gesogen worden. Beim Versuch, dem Verunglückten zu helfen und ihn aus dem Schacht zu befreien, wurde auch ein 38 Jahre alter Feuerwehrmann ebenfalls hineingesogen. Er kam ebenfalls aus Schwäbisch Gmünd. Gegen 12.20 Uhr wurden ihre Leichen am Montag leblos im Kanal entdeckt.


Nach Starkregen ist der Neckar unterhalb der Heidelberger Touristenattraktion Alte Brücke über die Ufer getreten. Die Polizei rechnete dort am Montag mit weiteren Überschwemmungen. Die Altstadt sei aber wegen der tieferliegenden Bundesstraße 37 direkt neben dem Fluss voraussichtlich nicht von Hochwasser bedroht, sagte ein Polizeisprecher. Die Straße wurde gesperrt und der Verkehr umgeleitet. Auch in anderen Orten rund um Heidelberg kam es zu Überschwemmungen, Hangrutschen und umgestürzten Bäumen. In Bammental (Rhein-Neckar-Kreis) stand laut Polizei Mannheim der Ortskern unter Wasser. Auch in Mannheim wurde eine Straße überflutet.


Die Unwetter haben dem Südwesten und Süden in der Nacht zum Montag wahre Regenmassen gebracht. Innerhalb von zwölf Stunden - von Sonntagabend 18 Uhr bis Montagfrüh 6 Uhr - seien in Kirchberg-Herboldshausen an der Jagst östlich von Heilbronn 93 Liter Regen pro Quadratmeter gemessen worden, berichtete der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Offenbach. Örtlich dürften die Mengen noch höher gewesen sein.

Die größte in einer Stunde gemessene Niederschlagssumme im DWD-Messnetz fiel in Hohenthann etwa 70 Kilometer nordöstlich von München. Von 20 bis 21 Uhr prasselten dort 65 Liter auf den Quadratmeter herunter. Zum Vergleich: Der Monats-Durchschnitt für Mai beträgt für Bayern 90 Liter pro Quadratmeter, für Baden-Württemberg 96 Liter pro Quadratmeter.


Allein in Baden-Württemberg wurden von Sonntagnachmittag bis Montagmorgen rund 7000 Helfer zu mehr als 2200 Einsätzen gerufen. Die Mitarbeiter von Feuerwehr, Technischem Hilfswerk, Rotem Kreuz, Lebensrettungs-Gesellschaft und Polizei seien im Dauereinsatz, teilte ein Sprecher des Lagezentrums im Innenministerium in Stuttgart am Montagmorgen mit. Die Zahl der Verletzten liege nach bisherigen Erkenntnissen im einstelligen Bereich.


Pforzheim und der Enzkreis kamen glimpflich davon: Nach Angaben der Polizei gab es im Bereich des Polizeipräsidiums Karlsruhe keine größeren Einsätze. Lediglich ein herabgefallener Ast habe in Karlsruhe das durchkommen eines Busses verhindert.


In Braunsbach im Norden Baden-Württembergs trat ein Fluss über die Ufer. Die reißenden Fluten strömten durch die 900-Einwohner-Gemeinde, wodurch ein Haus zerstört und mehrere erheblich beschädigt wurden. Rund 150 Kräfte von Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und Rotem Kreuz suchten einsturzgefährdete Häuser ab, um sie zu evakuieren.


Die starken Regenfälle haben in der Nacht auch Teile des Audi-Werks in Neckarsulm in Baden-Württemberg unter Wasser gesetzt. Die gesamte Produktion stehe still, sagte eine Audi-Sprecherin am Montag. Seit den frühen Morgenstunden pumpe die Werksfeuerwehr das Wasser ab. Wann die Produktion wieder aufgenommen werden könne, sei bislang noch unklar. Etwa 2700 Mitarbeiter konnten ihre Schicht am Morgen nicht antreten, sagte die Sprecherin. Bei Audi in Neckarsulm sind mehr als 16 000 Menschen beschäftigt. Das Werksgelände liegt direkt an einem Kanal neben dem Neckar, außerdem fließt das Flüsschen Sulm am Rande des Geländes.


Die Schifffahrt auf dem Neckar ist wegen des «katastrophalen Hochwassers» in den Nebenflüssen am Montag eingestellt worden. Die drei größten Zuflüsse Kocher, Enz und Jagst führten teilweise die drei- bis sechsfache Wassermenge, sagte ein Sprecher des Wasser- und Schifffahrtsamts in Stuttgart. Es herrschen hoher Wellengang und stellenweise gefährliche Strömungen an den Zuläufen, somit könnten auf dem Neckar wohl bis Mittwoch keine Schiffe durchfahren. Im Neckar selbst verteilt sich das Wasser und wird durch Wehre reguliert. Auf dem Rhein blieb die Wassermenge zunächst unter einem für Schiffe bedenklichen Wert.

Bildergalerie: Tote und Verletzte nach Überschwemmungen in Süddeutschland


Nach Starkregen ist der Neckar unterhalb der Heidelberger Touristenattraktion Alte Brücke über die Ufer getreten. Die Polizei rechnete dort am Montag mit weiteren Überschwemmungen. Die Altstadt sei aber wegen der tieferliegenden Bundesstraße 37 direkt neben dem Fluss voraussichtlich nicht von Hochwasser bedroht, sagte ein Polizeisprecher. Die Straße wurde gesperrt und der Verkehr umgeleitet. Auch in anderen Orten rund um Heidelberg kam es zu Überschwemmungen, Hangrutschen und umgestürzten Bäumen. In Bammental (Rhein-Neckar-Kreis) stand laut Polizei Mannheim der Ortskern unter Wasser. Auch in Mannheim wurde eine Straße überflutet.


Unter einer Bahnbrücke bei Schorndorf (Rems-Murr-Kreis) ist eine 13-Jährige von einem Zug erfasst und getötet worden - sie hatte dort Schutz vor dem Regen gesucht. Das Mädchen war am Sonntagabend zusammen mit einem Zwölfjährigen auf dem Heimweg und geriet wohl zu nah an die Gleise, wie die Polizei in Aalen am Montag mitteilte. Dem Jungen passierte nichts, er musste aber psychologisch betreut werden.


In Bayern waren die Schäden besonders groß in den Orten Flachslanden und Obernzenn bei Ansbach. Dort verwandelten sich in der Nacht zum Montag binnen kurzer Zeit schmale Bäche in reißende Flüsse und überfluteten viele Straßen und Keller, wie der Einsatzleiter Thomas Müller berichtete. Erdrutsche blockierten Straßen. Verletzte habe es zum Glück nicht gegeben, sagte der Bürgermeister von Flachslanden, Hans Henninger.

Die größten Schäden registrierte die Feuerwehr im Flachslander Ortsteil Sondernohe. «Das ist ein Ort der Verwüstung», berichtete ein Feuerwehrmann. Das von den Hängen herabschießende Wasser sei als breiter Strom durch den Ort gerauscht. Die Wassermassen hätten Autos mitgerissen, Verkehrsschilder seien wie Streichhölzer umgeknickt. «In dem Ort hat das Wasser in der Nacht zum Teil bis zu einem Meter hoch gestanden», sagte der Feuerwehrmann. Im benachbarten Obernzenn, wo die Regenmassen die Zenn über die Ufer treten ließen, wurde neben vielen Häusern auch eine Turnhalle überschwemmt.


Auch in Ulm waren mehrere Straßen nicht mehr befahrbar. Die Stadt Künzelsau im Hohenlohekreis teilte mit, dass die Innenstadt am Montag gesperrt bleibe für den Verkehr - wegen der Aufräumarbeiten. In Schulen fällt der Unterricht am Montag aus. Auch die Kindergärten bleiben geschlossen. Bürgermeister Stefan Neumann sprach von einer «Naturkatastrophe».


In Baden-Württemberg verzeichneten die Behörden Hunderte Notrufe. Allein das Führungs- und Lagezentrum des Polizeipräsidiums Ulm meldete, dass es zwischen 16.15 Uhr und 21.00 Uhr 490 Notrufe gegeben habe. Viele Straßen und Ortsdurchfahrten seien gesperrt, sagte Polizeiführer Hagen Guderlei. Hunderte Bürger seien auf den Polizeinotruf 110 ausgewichen, weil unter dem Notruf 112 kein Durchkommen gewesen sei.

Dutzende Keller seien vollgelaufen und müssten ausgepumpt werden, sagte Guderlei. Das Wasser stehe an einigen Stellen 1,70 Meter hoch. Besonders stark von Hochwasser betroffen sei der Kreis Biberach. Dort kam es laut Polizei auch zu einem Erdrutsch, der Bäume und Schlamm auf ein Firmengelände schwemmte.

«Der Sachschaden wird immens», sagte Guderlei. Die Autobahn 7 im Kreis Heidenheim zwischen Giengen und Oberkochen sei wegen großer Hagelkörner, die bis zum Knöchel reichten, vier Stunden lang gesperrt gewesen. Die Autobahnmeisterei musste Schneepflüge einsetzen. In dem Landkreis war laut Polizei auch die Ortsdurchfahrt Steinheim am Albuch komplett unter Wasser.

Die Bahn hat in Baden-Württemberg mehrere überschwemmte Strecken gesperrt. Besonders betroffen seien die Gleise rund um Heilbronn und Schwäbisch Gmünd, sagte eine Sprecherin. Regionalbahnen mussten demnach in Biberach an der Riß wenden, in der Gegenrichtung ging es ab Aulendorf bei Ravensburg nicht mehr weiter. Auch auf Abschnitten der Strecken zwischen Ulm und Friedrichshafen am Bodensee sowie weiter in Richtung Stuttgart rollten vom späten Sonntagabend an keine Züge mehr. Auch die Bahnstrecke zwischen Würzburg und Ansbach wurde vorübergehend gesperrt. Der Fernverkehr wurde vorerst über Fürth umgeleitet und der Nahverkehr mit Bussen ersetzt.