nach oben
06.02.2015

Tod von Dreijährigem: Prüfer nehmen Jugendamt unter die Lupe

Im Streit um ein mögliches Behördenversagen im Fall des dreijährigen Alessio, der zu Tode geprügelt wurde, will die Rechtsaufsicht im Regierungspräsidium Freiburg ihren Abschlussbericht vorlegen. Auf dem Prüfstand stehe die Arbeit des zuständigen Jugendamtes, sagte ein Sprecher der Behörde am Freitag.

Untersucht werde, ob das Amt gegen geltendes Recht verstoßen habe. Erste Ergebnisse aus dem rund 50 Seiten umfassenden Prüfbericht gebe es voraussichtlich nächste Woche.

Das Jugendamt hatte den Jungen aus Lenzkirch im Schwarzwald in der Familie belassen, obwohl Mediziner seit Sommer 2013 eine schwere Kindesmisshandlung attestiert und das Amt gewarnt hatten. Der Dreijährige war Mitte Januar zu Tode geprügelt worden. Tatverdächtig ist sein 32-jähriger Stiefvater. Er sitzt in Untersuchungshaft.

Die Prüfung des Jugendamtes laufe in Abstimmung mit dem Sozialministerium, sagte der Sprecher. Als Aufsichtsbehörde prüfe das Regierungspräsidium jedoch nur die Gesetzmäßigkeit des Handelns. Ob die Entscheidungen des Jugendamtes fachlich richtig waren oder ob Alessio hätte gerettet werden können, müssten andere bewerten. Das Regierungspräsidium sei keine Fachaufsicht.

Das Sozialministerium in Stuttgart hatte das Jugendamt nach Bekanntwerden des Falls kritisiert und eine Überprüfung angeordnet. Nachdem das Jugendamt der Aufsichtsbehörde einen ersten Bericht abgegeben hatte, waren nach Angaben von Ministerin Katrin Altpeter (SPD) noch viele Fragen offen geblieben. Das Jugendamt hatte den Prüfern daraufhin die gesamte Akte des Falls überlassen. Einsicht in die Akte wird an diesem Samstag erstmals auch dem Kreistag gewährt. Das Kreisjugendamt und Landrätin Dorothea Störr-Ritter (CDU) reagieren damit auf die Kritik, die es seit dem Tod des Jungen an ihrer Arbeit gibt.

Das für die Betreuung des Jungen und der Familie eingesetzte Dorfhelferinnenwerk wies unterdessen Vorwürfe zurück. Die auf dem Bauernhof der Familie eingesetzte Mitarbeiterin sei «mit Blick auf ihre Persönlichkeit, Erfahrung und Professionalität die für diesen Einsatz beste Fachkraft» gewesen, teilte das Werk am Freitag in Sölden bei Freiburg mit. Sie habe sich «gerade durch ihre Kenntnis der familiären Situation und durch ihre Kontakte ins Netzwerk der Familie» geeignet gewesen. Das Dorfhelferinnenwerk sieht sich der Kritik ausgesetzt, weil es die Cousine des unter Gewaltverdacht stehenden Stiefvaters als Betreuungsperson eingesetzt hatte.

Die Staatsanwaltschaft Freiburg hat nach eigenen Angaben im Jugendamt ermittelt und dort Unterlagen beschlagnahmt. Grund seien mehrere Strafanzeigen, die gegen das Jugendamt und andere Behörden gestellt wurden, sagte Oberstaatsanwalt Michael Mächtel. Die Anzeigen stammten von Personen, die nicht an dem Fall beteiligt seien und die meist über die Medien von dem Fall erfahren haben. Erkenntnisse, dass Behörden gegen Strafrecht verstoßen haben, gebe es derzeit nicht.

Im Fokus der Ermittlungen stehe der Stiefvater. Gegen ihn habe sich der Verdacht erhärtet. Vorgeworfen werde ihm Totschlag. Seine Aussage, der Junge sei eine Treppe hinunter gefallen, sei durch die bisherigen Ermittlungen eindeutig widerlegt worden. Einen konkreten Verdacht der Kindesmisshandlung gegen den Stiefvater hatte es schon früher gegeben. Damals hatten die Ermittler dem Mann den Angaben zufolge aber nichts nachweisen können.