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Ein Ermittler der Polizei vermisst einen Tatort vor einem Geschäft in der Innenstadt von Heidenheim. Ein Mitglied der United Tribuns war auf einer Straße in Heidenheim erschossen worden, sein Bruder wurde ebenfalls lebensgefährlich verletzt.
Ein Ermittler der Polizei vermisst einen Tatort vor einem Geschäft in der Innenstadt von Heidenheim. Ein Mitglied der United Tribuns war auf einer Straße in Heidenheim erschossen worden, sein Bruder wurde ebenfalls lebensgefährlich verletzt. © dpa
29.05.2016

Tödlicher Machtkampf zwischen United Tribuns und Black Jackets in neuer Runde?

Nach tödlichen Schüssen auf einen Rocker in Heidenheim im April rechnet der Ulmer Polizeipräsident Christian Nill mit weiterer Gewalt. Er geht von einer Fortsetzung des Machtkampfs zwischen den United Tribuns und den Black Jackets aus.

„Es gibt jetzt noch was, was offen ist, was noch nicht geklärt ist“, sagte Nill der Deutschen Presse-Agentur. „Was uns umtreibt, ist, dass die Auseinandersetzungen der Gruppierungen so ausstrahlen, dass Unbeteiligte betroffen werden.“

Im Südwesten artet eine Fehde unter rivalisierenden Rockerbanden immer wieder in Gewalt aus. Im April stritten sich vor einem Friseurladen in Heidenheim drei Mitglieder der Black Jackets mit zwei Brüdern der United Tribuns. Dann eskalierte die Lage. Einer der Black-Jackets-Rocker zog eine Pistole, schoss die beiden Kontrahenten nieder. Den 29 Jahre alten Vizepräsidenten der United Tribuns trafen drei Kugeln in den Bauch. Er starb zwei Tage später im Krankenhaus. Die Polizei geht von einem zufälligen Treffen aus, das dann rasch eskaliert sei.

Der 25 Jahre alter Bruder des Getöteten wurde lebensgefährlich verletzt, ist aber über den Berg. Er habe inzwischen ausgesagt, bestätigte die Staatsanwaltschaft Ellwangen. Zum Inhalt und zum Stand der Ermittlungen machte die Behörde keine näheren Angaben. Der mutmaßliche Schütze sitzt in Untersuchungshaft. Das Ulmer Chapter der Tribuns postete nach den tödlichen Schüssen auf Facebook den Spruch: „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“

Black Jackets wie United Tribuns stammen aus dem Südwesten, sie sind eng mit der Türsteher- und Bodybuilderszene verzahnt. Die Ermittler sprechen dabei nicht von Rockern wie etwa bei den Hells Angels, sondern von rockerähnlichen Gruppierungen - die fahren allgemein zwar laut Innenministerium kein Motorrad, sind aber ebenso gefährlich. „Denen geht es allen um wirtschaftliche Interessen, denen geht es um Waffenhandel, denen geht es um Drogen, denen geht es um Prostitution, um Menschenhandel.“

Die beiden Gruppen stehen seit längerem auf Kriegsfuß. Die United Tribuns wollten sich seit geraumer Zeit in der Donaustadt „breit machen“. „Reine Gebietskämpfe“, sagte Nill dazu.

Die Polizei antwortete auf den gewaltsamen Tod eines 29 Jahre alten Rockers in Heidenheim mit erhöhter Präsenz in der Szene. „Wir wollen nicht die kleinen, oberflächlichen Erfolge“, sagte Polizeipräsident Nill. „Wir wollen in das Herz von so einer Gruppierung vorstoßen.“ Aber die Ermittlungen gestalteten sich schwierig. „Es ist extrem schwierig, einen Fuß in so eine Gruppierung zu bekommen.“ Die Beweisführung bei Prozessen sei sehr komplex und aufwendig.

Denn: Rocker sagen fast nie gegen andere Rocker aus. „Wir haben eine Parallelgesellschaft, da gibt es ein paar eherne Gesetze“, sagte Nill. „Es gelingt nur in Einzelfällen, jemanden herauszubrechen aus dieser Klientel - den können sie aber gleich ins Zeugenschutzprogramm tun“, meinte Nill. „Der ist in der Regel hochgefährdet.“

Der Polizei seien teils die Hände gebunden. „Wir fühlen uns nicht machtlos, aber herausgefordert.“ Bei den Bordellen in Ulm handle es sich beispielsweise um genehmigte Gewerbebetriebe. „Angst im Sinne von unmittelbarer Konfrontation haben wir eigentlich nicht“, sagte Nill. Aber die Polizei sorge sich um die Gesundheit Unbeteiligter. So sei vergangenen Juni ein Sprengsatz an einer Shisha-Bar in der Ulmer Innenstadt explodiert. „Da hätte auch ein Bürger mit seinem Hund spazieren gehen können. Der Sprengsatz war nicht kontrollierbar.“ Kurz zuvor waren Schüsse auf ein Ulmer Bordell abgefeuert worden.

Droht mehr Gewalt? Das Landeskriminalamt (LKA) will keine gesonderte Bewertung zur Sicherheitslage abgeben, vertraut aber der Einschätzung der Ulmer Polizei. „Die sind da einfach näher dran“, sagte ein LKA-Sprecher.

Rockerkrieg in Pforzheim

Auseinandersetzungen zwischen Hells Angels und United Tribuns sind den Menschen in Pforzheim noch gut in Erinnerung. Ende 2010 kam es auf dem Pforzheimer Güterbahnhof-Gelände zu einer Massenschlägerei. Rund 40 Rocker schlugen sich auf einem Parkplatz mit Macheten und Baseballschlägern, ein von einem Messerstich verletzter Mann schwebte in Lebensgefahr – und es fiel ein Schuss aus einer scharfen Waffe. Die Kugel schlug zum Glück in einem abgestellten Lieferwagen ein, in dem niemand saß.

Von da an gab es polizeiliche Untersuchungen und Razzien bei den beiden Gruppen. Höhepunkt der Aktionen: Der Pforzheimer Verein der Hells Angels wurde verboten. Nach einigen Prozessen hört man im Augenblick nicht mehr viel von den Höllenengeln. Um die United Tribuns ist es in Pforzheim ebenfalls ruhiger geworden. Die Black Jackets, eine dritte Gruppe, die im Türstehermilieu der Region um Pforzheim mitmischte und rockerähnlich strukturiert war, verschwanden in der Bedeutungslosigkeit, nachdem zuerst die Jugendgruppe aufgelöst und der Gruppenführer zu einer Haftstrafe verurteilt wurde.

Nur ganz am Rande spielten auch die Rocker vom Gremium MC eine Rolle in Pforzheim. Sie scheiterten zum Beispiel mit einem Motorrad-Korso durch die Stadt, der wohl als Provokation der Hells Angels gedacht war. Stress mit Mitgliedern der Bandidos, die sich anderswo in Deutschland heftige Gefechte mit den Hells Angels lieferten, gab es in Pforzheim mangels einer Bandidos-Gruppe nicht. In der weiteren Region hat zuletzt die Gruppe der Red Legion für Aufsehen und Polizeieinsätze gesorgt. In Pforzheim jedoch sind sie noch nicht bemerkenswert aufgefallen.

 

 

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