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Der tübinger Doktorand Sebastian Schultheiß bekommt Postkarten mit den intimsten Geheimnissen aus ganz Deutschland. Foto: dpa
geheimnisse © dpa
16.08.2011

Tübinger Doktorand macht die dunkelsten Geheimnisse öffentlich

TÜBINGEN. Er kennt die intimsten Geheimnisse der Menschen und stellt sie für jeden sichtbar ins Internet. Eigentlich sollte man denken, dass Sebastian Schultheiß viele Feinde hat. Aber im Gegenteil: Immer mehr Menschen vertrauen ihm ihre verborgensten Gedanken an. eder Mensch hat Geheimnisse. Mal sind es große, mal kleine. Manchmal vertraut man sie guten Freunden an, aber meist behält man sie für sich. Das liegt in der Natur der Sache - jede Öffentlichkeit tötet das Geheimnis. Aber genau darum geht es Sebastian Schultheiß: Der 30-Jährige aus Tübingen sammelt Geheimnisse, die Menschen aus ganz Deutschland ihm zuschicken, und veröffentlicht sie im Internet. Gut 1,5 Millionen Mal wurde die Seite schon angeklickt. Seit mehr als drei Jahren läuft sein Projekt «Post Secret» in Deutschland. Vorbild ist ein Kunstprojekt des Amerikaners Frank Warren. Es geht darum, Postkarten zu gestalten, sein Geheimnis darauf zu schreiben und sie anonym an eine Postfach-Adresse in Tübingen zu schicken. Schultheiß veröffentlicht die Geheimnis-Karten dann jeden Sonntag auf der Postsecret-Homepage - ohne Kommentar, auf schwarzem Hintergrund. Manche Karten sind mit aufwendigen Materialien und viel Liebe zum Detail gestaltet. Einige davon hat Schultheiß vor zwei Jahren auch schon einmal im Tübinger Stadtmuseum ausgestellt. «Viele Menschen sagen, dass es schon befreiend wirkt, die Karte in den Briefkasten zu werfen», erzählt der Bioinformatiker. «Oft ist das Aufschreiben eines Geheimnisses der erste Schritt, um sich damit überhaupt auseinanderzusetzen.» Gerade bei Ereignissen, die schon länger zurückliegen, könne es helfen, sie in Worte zu fassen, glaubt er. Mit wirklich dunklen Geheimnissen hat er allerdings eher selten zu tun. «45 Prozent sind Beziehungsthemen», schätzt der Doktorand. Besonders anonyme Liebeserklärungen kommen immer wieder vor. Bei einigen Karten treibt es einem sogar die Schamesröte ins Gesicht. Oftmals sind es aber auch Reaktionen auf aktuelle Ereignisse. Und manchmal läuft einem wirklich ein Schauer über den Rücken: Nach dem Amoklauf an der Albertville-Realschule in Winnenden hatte eine Schreiberin Verständnis für den Amokläufer signalisiert. «Ich bin als Teenager nur deshalb nicht Amok gelaufen, weil ich keine Waffe hatte», schrieb sie. Schultheiß hat sich entschlossen, auch solche Karten zu veröffentlichen. Experten kennen dieses Phänomen auch aus anderen Bereichen: «Unter Anonymität kann man natürlich vieles sagen, was man sonst nicht tut», meint der Tübinger Psychologie-Professor Rolf Ulrich. «In gewisser Weise ist es ein seelischer Exhibitionismus.» Das sieht Schultheiß ähnlich. «Wir wollen das Gefühl haben, von anderen Menschen gesehen zu werden. Sonst findet unser Leben nur in unserem eigenen Kopf statt.» Für ihn selbst hat das Projekt aber auch noch eine andere Erkenntnis gebracht: «Die Leute sind sich ähnlicher, als sie denken. Wir tragen Probleme mit uns herum und erkennen gar nicht, dass viele die gleichen haben.» Schon deshalb sei es richtig, die Karten im Internet zu veröffentlichen, findet er. «Bei all der gesuchten Individualität in unserer Gesellschaft kann man sehen: Du bist nicht allein.» dpa