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Hat die Geschicke der Stadt Ulm annähernd ein Vierteljahrhundert maßgeblich mitbestimmt: der scheidende Oberbürgermeister Ivo Gönner (SPD).  Kästle
Hat die Geschicke der Stadt Ulm annähernd ein Vierteljahrhundert maßgeblich mitbestimmt: der scheidende Oberbürgermeister Ivo Gönner (SPD). Kästle
24.02.2016

Ulms Oberbürgermeister Ivo Gönner räumt nach 24 Jahren den Chefsessel

Die sonore Stimme, der dicke Schnauzer, das herzliche Lachen, die filterlose Zigarette: Es gibt nicht wenige Attribute, die ganz charakteristisch sind für Ivo Gönner. Vor allem gilt das aber für seine umgängliche Art: Der Ulmer Oberbürgermeister kann kaum drei Schritte über den Münsterplatz laufen, ohne dass er Menschen grüßen und Hände schütteln muss. Ein SWR-Redakteur betitelte ihn vor kurzem als „Bürgerkönig“. SPD-Spitzenkandidat Nils Schmid, der derzeit mit schlechten Umfragewerten vor der Landtagswahl zu kämpfen hat, hält es so: „Wenn man sich einen Oberbürgermeister backen könnte, dann wäre das Ivo Gönner.“

Der 64-Jährige gehört zu Ulm wie der höchste Kirchturm der Welt. Seit 1980 sitzt er hier im Gemeinderat, 1992 wählen die Ulmer den Sozialdemokraten zum Rathauschef. Zweimal wird er im Amt bestätigt – zuletzt mit 80,2 Prozent der Stimmen. Nun mag er nicht mehr. Am Sonntag wird er verabschiedet. Der langjährige Finanzbürgermeister Gunter Czisch (CDU) wird tags darauf seine Geschäfte übernehmen. Wieso räumt Ivo Gönner den Sessel?

Der OB sitzt im Besprechungsraum neben seinem Büro und zündet sich eine Zigarette an. Innerhalb der nächsten Stunde wird er noch zwei weitere rauchen und sein rotes Feuerzeug beim Erzählen fest mit der Faust umklammern. Müde sei er nicht, sagt er. Aber: „Ich habe für mich entschieden, dass es nach 24 Jahren Zeit für einen Wechsel ist.“

Das SPD-Urgestein hat einiges bewegt in seiner Amtszeit. Gönner begreift Kommunalpolitik als Wettkampf der Städte – nicht nur um Gewerbe, sondern auch um Einwohner. „Wir müssen Bedingungen schaffen, damit die Menschen nicht wegziehen müssen“, sagt er. Und die Donaustadt ist nicht nur tüchtig gewachsen, sondern auch attraktiver geworden: Die Wirtschaft brummt, die Wissenschaftsstadt vernetzt Wirtschaft und Forschung, eine neue Straßenbahnlinie lässt die Stadt bald enger zusammenrücken, am Bahnhof entsteht ein Einkaufsviertel.

Hängen bleiben in den Ulmer Köpfen wird wohl aber vor allem seine verbindliche Art. Gönner hat immer ein offenes Ohr, kümmert sich unermüdlich um alle Anliegen – vom Hundekot über Müllgebühren zum Baustellenlärm. Er ist Lokalfürst mit Leidenschaft. „Er hat eine Gabe, dass die Menschen ihn mögen. Er ist im guten Sinne ein Menschenfänger“, meint Stadträtin Helga Malischewski von der Freien Wähler Fraktionsgemeinschaft. Die 73-Jährige sitzt mit Gönner seit 31 Jahren am Ulmer Ratstisch. „Und obwohl er SPD-Mann ist, hat er nie die Partei vorne hingestellt. Er war für alle da.“

Karl Schwer ist seit 22 Jahren Hausmeister im Rathaus. Er hat Gönner auch schon von Termin zu Termin chauffiert. „Mit dem kann man über alles reden“, sagt der 59-Jährige. „Ich kenne den Mann nicht, wie er schlecht drauf war. Der ist zur Tür reinkomme und hat g’schwätzt.“

Unaufgeregter Politikstil

„Der Oberbürgermeister muss für ein gutes Klima sorgen“, sagt Gönner selbst. So begreift er seine Aufgabe. „Mir ist wichtig, dass ich ansprechbar bin.“ Wenig bringt den bodenständigen Mann dabei auf die Palme – mit Ausnahme vielleicht von endlosen Diskussionen, die sich im Kreis drehen. Oder klingelnden Handys im Gemeinderat. „Das habe ich fast als körperlichen Angriff betrachtet“, sagt er. Sein ruhiger, unaufgeregter Politikstil wird über Parteigrenzen hinweg geschätzt. Aber Politik hat sich verändert, findet er. „Es ist eine furchtbare Hektik in die Politik gekommen, und das ist meiner Meinung nach schädlich.“ Entscheidungen würden nur noch nach Stimmungen und Launen getroffen. Mit sozialen Medien kann er nichts anfangen – er hat nicht einmal ein eigenes Facebook-Profil. „Wenn die Menschen mir was sagen wollen, sollen sie einen Brief schreiben oder zum Telefon greifen. Ich bin da lieber altmodisch.“

Mit viel Tamtam wird Gönner am Sonntag im Ulmer Münster verabschiedet. Und dann? Gönner ist gelernter Jurist, will als Rechtsanwalt in der Kanzlei eines Freundes arbeiten. „Mal schauen, ob ich den Beruf überhaupt noch kann“, sagt er. Und zu Hause malt er im Kreise der Familie weiter seine Bilder, farbenfroh und abstrakt.