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Dort oben arbeitet er: Türmer Bernd Jedelhauser vor dem Ulmer Münster. Foto: dpa
Dort oben arbeitet er: Türmer Bernd Jedelhauser vor dem Ulmer Münster. Foto: dpa
Der Ulmer Türmer steuert das Läutwerk des Münsters per Knopfdruck.   Foto: dpa
Der Ulmer Türmer steuert das Läutwerk des Münsters per Knopfdruck. Foto: dpa
Hereinspaziert in die Turmwartstube von Bernd Jedelhauser.  Foto: dpa
Hereinspaziert in die Turmwartstube von Bernd Jedelhauser. Foto: dpa
07.09.2016

Ulms schönster Arbeitsplatz im höchsten Kirchturm der Welt.

Bernd Jedelhauser sperrt die Turmstube auf und knipst eine alte Schirmlampe an. Warmes Licht durchflutet den Raum. Rustikal-gemütlich hat er es in seinem Büro, das 70 Meter über dem Ulmer Münsterplatz liegt. Jedelhauser setzt sich an seinen Schreibtisch vor allerlei Papierkram und erzählt mit seiner ruhigen Art von seiner Arbeit als Turmwart. Seit einem Jahr macht er den Job.

„Bei meinem Bewerbungsgespräch bin ich die Treppen sogar hochgerannt, da kam der damalige Turmwart gar nicht hinterher“, sagt er. Auf dem Münster thront mit gut 161 Metern der höchste Kirchturm der Welt. Die vielen Höhenmeter machen dem 49-Jährigen nichts aus. Schon zu Beginn jeder Schicht steigt er die 768 Stufen bis ganz nach oben auf die Aussichtsplattform, macht dort sauber und sorgt dafür, dass alles vorbereitet ist, bis die Besucher den Kirchturm erkunden.

Sogenannte Türmer hatten früher allgemein die Aufgabe, vom höchsten Turm aus die Stadt oder Burg vor Gefahren, vor Feuer und Feinden zu warnen. Die Wächter wohnten dabei auch zusammen mit ihrer Familie oben in den Türmen. Bundesweit sind laut der Europäischen Nachtwächter- und Türmerzunft im Schnitt noch 15 Menschen als Türmer im traditionellen Sinne tätig. Teils wohnen sie sogar noch in den Türmen, rufen hinunter.

So traditionell ist Jedelhauser nicht unterwegs. Der Beruf hat sich mit der Zeit stark verändert. Moderne Turmwärter steigen halb als Service-Kraft, halb als Hausmeister den Turm auf und ab. Jedelhauser ist Turmwart-Neuling. Aus gesundheitlichen Gründen entschied er sich für einen Berufswechsel. Eine spezielle Ausbildung hat er nicht gemacht – die gibt es auch nicht. Ein paar Kriterien sind aber zu erfüllen: Etwa muss er handwerklich begabt sein, um die Bauarbeiter auf dem Münster zu unterstützen. Jedelhauser war viele Jahre als Handwerker tätig.

Seine Arbeit teilt er sich mit drei fest angestellten Türmern und mehreren Aushilfen im Schichtbetrieb. Der 49-Jährige hält Ordnung, gibt Führungen, betreut Besucher. Zu seinen Aufgaben zählt aber auch das Abzwicken gravierter Schlösser, die Verliebte auf dem Münster angebracht haben. Jedelhauser holt eine Pappschachtel, auf der eine Heftnotiz mit der Aufschrift „alte Schlösser“ klebt. Er breitet den Inhalt auf seinem Schreibtisch aus. Es sind nicht viele Schlösser, vielleicht zehn. Manche sind graviert mit Vornamen, auf anderen ist nur ein Herz zu sehen, das mit Filzstift draufgepinselt wurde.

Auch wenn die Schlösser nett anzusehen sind – sie haben nichts auf dem Münster verloren. Nicht, dass der Ulmer Kirchturm irgendwann einsturzgefährdet ist wie die berühmte Pariser Brücke Pont des Arts. Die französischen Behörden hatten aus Sicherheitsgründen im vergangenen Sommer 45 Tonnen „Liebesschlösser“ entfernt.

Jedelhauser packt die Schlösser wieder in den Karton und geht ins Nebenzimmer. Dort steht ein Krankenbett für den Notfall. „Zum Glück passiert hier oben selten etwas. Manchmal kommt es vor, dass jemandem schwindelig wird oder Besucher überanstrengt vom Aufstieg sind“, erklärt der 49-Jährige. Etwas verstaubte Brockhaus-Exemplare stehen in dem Regal im Nebenzimmer, aber auch Bücher über das Ulmer Münster. „Ich bringe mir die Geschichte des Münsters selbst bei“, erklärt Jedelhauser und sieht sich seinen Lesestoff an. Etwas über die Münstergeschichte zu wissen, ist wichtig für die Türmer. Sie führen die Touristen durch den Turm – da dürfen historische Details nicht fehlen. Jedelhauser schätzt den Kontakt mit den Menschen. Einsam ist der 49-Jährige an seinem Arbeitsplatz in 70 Meter Höhe selten – ruhiger wird es höchstens im Winter, wenn sich nicht so viele Besucher auf den Turm trauen.

In seinem Büro hat Jedelhauser sogar einen Kühlschrank. Eine Toilette gibt es aber noch nicht. Halb so schlimm, findet er. Dann steigt er den Turm für den Gang aufs stille Örtchen eben wieder hinunter. Arbeiten auf dem höchsten Kirchturm der Welt ist eben kein Zuckerschlecken. Trotzdem liebt Jedelhauser seinen Beruf – wo sonst hätte er so einen schönen Blick auf seine Heimatstadt.