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Das Luftbild vom 02.08.2014 zeigt umgekippte Waggons eines Eurocitys und die Lok eines Güterzugs im Hauptbahnhof von Mannheim. Beim Zusammenstoß zwischen einem Eurocity-Zug und einem Güterzug am Abend des 01.08.2014 waren zwei mit rund 110 Passagieren besetzte Waggons umgekippt.
Das Luftbild vom 02.08.2014 zeigt umgekippte Waggons eines Eurocitys und die Lok eines Güterzugs im Hauptbahnhof von Mannheim. Beim Zusammenstoß zwischen einem Eurocity-Zug und einem Güterzug am Abend des 01.08.2014 waren zwei mit rund 110 Passagieren besetzte Waggons umgekippt. © dpa
21.09.2016

«Um Gottes willen, halt an»: Prozess gegen Lokführer nach Zugunfall

Mannheim (dpa/lsw) - Ein Augustabend im Jahr 2014 kurz vor dem Mannheimer Hauptbahnhof. Ein Reisezug hat auf eingleisiger Strecke freie Fahrt, ein Güterzug muss halten. Doch der Lokführer des Güterzugs fährt weiter, es kommt zum Zusammenstoß. Der erste und zweite Waggon des Eurocitys entgleisen und kippen um. Auch die Lok und zwei Containerwagen des Güterzugs reißt es aus den Gleisen. 38 Menschen müssen laut Staatsanwaltschaft von Rettungsärzten versorgt werden. Seit Mittwoch läuft vor Mannheims Amtsgericht der Prozess gegen den Lokführer des Güterzugs.

Wie konnte das passieren? Der Staatsanwalt schildert den Ablauf so: Der Reisezug hatte das Signal «Freie Fahrt» bekommen, für den Güterzug galt «Halt». Doch der angeklagte Lokführer habe sich an dem Signal des anderen Zuges orientiert. Sein Stoppzeichen missachtete er (Az. 26 Ds 501 Js 21102/14).

Danach kam es automatisch zur Zwangsbremsung. Der Lokführer hätte eigentlich sofort die Fahrdienstleistung kontaktieren müssen, um nach dem Grund für den Halt zu fragen - und um auf weitere Befehle zu warten, wie der Staatsanwalt sagt. Das geschah nicht: Der Lokführer löste die Zwangsbremsung auf und fuhr weiter - und ignorierte noch zwei weitere Haltesignale.

Das zeigt auch die Auswertung der Blackbox, die den Fahrtverlauf aufzeichnet. «Wir konnten an beiden Zügen keine Mängel feststellen», betont ein Beamter des Eisenbahnbundesamtes im Zeugenstand. Es gebe klare Regeln, was Lokführer nach Zwangsbremsungen tun müssten. Es gebe aber Fälle, bei denen aus Angst vor Repressalien nicht die Fahrdienstleitung kontaktiert werde. Ein Haltesignal zu missachten, sei schließlich kein Kavaliersdelikt. So ein Vergehen könne auch zur Abmahnung führen. Der Lokführer schweigt beim Prozessauftakt zunächst zu den Vorwürfen. Zuvor räumte er aber bereits Fehler ein.

Als der Fahrdienstleiter in Mannheim die Situation erkennt, kann er laut einem Bundespolizisten im Zeugenstand nur noch rufen: «Um Gottes willen, halt an!» Der Beamte des Eisenbahnbundesamtes hält es für möglich, dass der angeklagte Lokführer das «Freie-Fahrt-Signal», das dem entgegenkommenden Zug galt, als sein eigenes gewertet habe. Das Verhalten des Lokführers in Mannheim gebe es hin und wieder, sagt er: «Es sind wenige Fälle, aber sie kommen vor.» Er wolle dessen Verhalten aber nicht entschuldigen.

In den beiden umgekippten Waggons des Reisezugs saßen rund 110 Menschen. Am Eurocity entstand laut Staatsanwaltschaft ein Schaden von etwa 1,6 Millionen Euro, am Güterzug waren es 254 000 Euro und an den Bahnanlagen rund 530 000 Euro.

Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) fordert anlässlich des Prozesses erneut, zügig neue Lokführer einzustellen und Arbeitszeiten zu verbessern. «Die Unternehmen haben aus Kostengründen an Personal und an der ausreichenden Ausbildung gespart». Jetzt fehlten in Deutschland bis zu 1000 Lokführer und der Nachwuchs bleibe aus. «Die Lokführer gehen, wie das gesamte Zugpersonal, bis hart an die Belastungsgrenze, um den Eisenbahnbetrieb aufrecht zu erhalten.» Der Prozess soll am kommenden Mittwoch fortgesetzt werden.