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Der Amoklauf von Winnenden löste bundesweit Entsetzen aus. Jetzt kommt der Fall vor Gericht. Verantworten muss sich der Vater des Amokläufers. Ihm wird der Prozess gemacht. Muss er für die Tat seines Sohnes büßen?
Prozess gegen Vater des Amokläufers von Winnenden beginnt © dpa
13.09.2010

Vater des Amokläufers von Winnenden vor Gericht

STUTTGART. Der Amoklauf von Winnenden löste bundesweit Entsetzen aus. Jetzt kommt der Fall vor Gericht. Verantworten muss sich jedoch nicht der jugendliche Täter - er ist tot. Seinem Vater wird der Prozess gemacht. Muss er für die Tat seines Sohnes büßen? Wer für den Amoklauf am 11. März 2009 in Winnenden und Wendlingen verantwortlich ist, steht fest: Tim K., 17 Jahre alt, stiller Typ und kontaktarm, möglicherweise psychisch labil, Waffennarr. Er stürmte gegen 9.30 Uhr in die Albertville- Realschule und eröffnete mit einer Sportpistole das Feuer. Im Kugelhagel starben neun Schüler und drei Lehrer. Auf seiner Flucht tötete er drei weitere Menschen und erschoss sich selbst. Die Bluttat hatte bundesweit Entsetzen ausgelöst.

Von Donnerstag, 16. September, an steht Tims Vater, Jörg K., vor dem Landgericht Stuttgart - wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz. Die Tatwaffe hatte der Vater rechtswidrig im Schlafzimmerschrank aufbewahrt. Zum Schutz der Familie für den Fall eines Einbruchs, wie er der Polizei mitteilte. Fraglich ist, ob der Mann darüber hinaus auch wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung verurteilt werden kann. Die 3. Jugendkammer hat lediglich eine Anklage wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz zugelassen.

Damit droht dem Vater des Amokläufers höchstens ein Jahr Haft. In Deutschland hat es noch nie einen Strafprozess gegeben, bei dem ein Unbeteiligter nach einem Amoklauf vor Gericht stand. Die Hinterbliebenen sind erleichtert, dass es zu einem Prozess kommt. „Sie haben Angst, denn es wird alles wieder hochkommen. Das Verfahren kann aber auch ein wichtiger Beitrag für die Aufarbeitung des schrecklichen Geschehens sein“, betont ein Vertreter der Nebenklage, der Waiblinger Rechtsanwalt Jens Rabe. Nicht wenige jedoch sehen den Vater und die Familie des Täters bereits als genug gestraft an. „Ein junger Mensch hat 15 Mitmenschen und dann sich selbst getötet. (...) Er hat Familien in Trauer und Verzweiflung gestürzt - auch seine eigene. Auch sie hat ein Kind verloren. Auch für sie ist eine Welt zusammengebrochen“, hatte der damalige Bundespräsident Horst Köhler schon beim Staatsakt für die Opfer des Amoklaufs betont.

Der Stuttgarter Anwalt Ekkehard Kiesswetter sagt: „Die Strafe, die der Vater durch den Tod seines Sohnes erhalten hat, ist schon sehr hoch. Wenn die Folgen einer Tat so extrem sind, dann besteht nach dem Gesetz die Möglichkeit einer Einstellung des Falls. Der Staat muss ihn nicht bestrafen.“ Außerdem kämen auf den Angeklagten für den Fall einer Verurteilung hohe Kosten zu. Der Vater sitzt vor Gericht mindestens 34 Nebenklägern gegenüber.

Der komplizierte Fall hat bereits zu einem juristischen Gezerre um die Frage geführt, welche Schuld den Vater trifft. Ursprünglich wollte die Staatsanwaltschaft Stuttgart das Verfahren mit einem Strafbefehl gegen den Vater beenden. Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger wies jedoch eine Anklage gegen den 51-jährigen Geschäftsmann wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und Verstoßes gegen das Waffengesetz an. Sein Argument: Der Sportschütze soll den Amoklauf durch sein Verhalten erst möglich gemacht haben. Das Waffengesetz schreibt vor, dass Inhaber von Waffen und Munition verhindern müssen, dass diese Gegenstände wegkommen oder Dritte sie an sich nehmen. Damit will der Gesetzgeber der Gefahr vorbeugen, dass zu Straftaten Entschlossene auf Waffen zugreifen können. Daher muss derjenige, der eine Waffe sorgfaltswidrig aufbewahrt, „grundsätzlich“ mit einer Bestrafung wegen fahrlässiger Tötung rechnen, wenn mit der Waffe ein Mensch getötet wird. „Der Vater hat einen Anspruch darauf, dass man prüft, ob der Grundsatz gilt“, erklärt Pflieger.

Der zweite Grund ist der laxe Umgang mit Waffen. Die seit der Reform des Waffengesetzes möglichen unangekündigten Waffenkontrollen zeigten, dass das Ausmaß der Missstände erschreckend ist: Mehr als die Hälfte der Kontrollierten im Südwesten hatten sich nicht an die Vorschriften gehalten. Pflieger hofft, dass vom Prozess deswegen auch ein „generalpräventives“ Signal ausgeht - unabhängig von einer Bestrafung des Vaters: „Bei künftigen Fällen werden die Waffenbesitzer nicht mehr sagen: Wir hatten keine Ahnung. Jetzt weiß man, wozu ein laxer Umgang mit Waffen führen kann.“

Ob darüber hinaus schulderhöhende Umstände vorliegen, muss der Prozess noch klären. Besonders für die Nebenklage ist von Bedeutung, ob der Vater hätte ahnen müssen, dass sein Sohn die Waffe für eine solche Tat nutzen könnte. Hier kommt die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Weinsberg ins Spiel. Tim K. war dort zu mehreren Gesprächen mit einer Psychologin. Dort berichtete er über Mord- und Tötungsfantasien, die ihn quälten. Die Eltern bestreiten, davon in Kenntnis gesetzt worden zu sein. Für den Prozess sind zunächst 27 Verhandlungstage anberaumt. Neben den wichtigsten ermittelnden Polizeibeamten sind Rechtsmediziner, die Mutter des Täters und seine Schwester als Zeugen geladen.