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Einschusslöcher einer großkalibrigen Waffe markiert ein Polizist in der Scheibe eines Autohauses in Wendlingen mit weißer Farbe (Archivfoto). Auf dem Hof des Autohauses endete der Amoklauf eines 17-Jährigen, der zuvor 15 Menschen erschossen hatte, bevor er seinem Leben selbst ein Ende setzte.
Einschusslöcher einer großkalibrigen Waffe markiert ein Polizist in der Scheibe eines Autohauses in Wendlingen mit weißer Farbe (Archivfoto). Auf dem Hof des Autohauses endete der Amoklauf eines 17-Jährigen, der zuvor 15 Menschen erschossen hatte, bevor er seinem Leben selbst ein Ende setzte. © dpa
16.09.2010

Vater des Amokläufers vor Gericht: Auftritt ohne Reue

STUTTGART. Tim K. erschoss in Winnenden und Wendlingen 15 Menschen und sich selbst. Erstmals in Deutschland hat jetzt ein Prozess begonnen, bei dem ein Unbeteiligter nach einem Amoklauf vor Gericht steht: Tims Vater.

Er kam als letzter und sagte kaum mehr als seinen Namen. Dabei hatten die Hinterbliebenen der Opfer vom Vater des Amokläufers von Winnenden wenigstens eine Entschuldigung erwartet. Schließlich konnten viele Opfer-Eltern ihm beim Prozessauftakt in Stuttgart zum ersten Mal in die Augen sehen.

Sein 17-jähriger Sohn hatte am 11. März vergangenen Jahres mit der Pistole des Vaters 15 Menschen und sich selbst erschossen. Der Verteidiger stellte den Geschäftsmann am Donnerstag aber nicht als Mitverantwortlichen, sondern als Leidtragenden der Tat dar: „Die schweren Folgen der Tat wiegen so schwer, dass der Staat ihn nicht bestrafen sollte“, sagte Anwalt Hubert Gorka. Der Angeklagte sei sozial isoliert, infarktgefährdet, erhalte Drohungen und denke über Selbstmord nach.

Ohne sichtliche Regung verfolgte der Vater die Verhandlung. Er war mit Vollbart zu seinem ersten öffentlichen Auftritt nach dem Massaker an der Albertville-Realschule erschienen. Dem Blitzlichtgewitter entzog er sich, indem er den mit Angehörigen, Zuschauern und Journalisten vollbesetzten Saal warten ließ, bis die Kameraleute und Fotografen abgezogen waren.

Der emotionslose Auftritt und die Erklärung der Verteidigung lösten heftige Reaktionen aus. „Das ist feige“, riefen mehrere Zuhörer, als sich nur die Anwälte des Vaters zu Wort meldeten. „Seinen Schmerz in den Vordergrund zu rücken, fand ich nicht richtig“, sagte Andrea Stoppel, die Mutter einer getöteten Schülerin. „Ich hätte mir ein paar persönliche Worte direkt an die Hinterbliebenen gewünscht.“

Auch Uwe Krechel, der Anwalt des Nebenklägers Hardy Schober, Mitbegründer des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden, wundert sich über die Strategie der Verteidigung des 51-Jährigen: „Er hätte, wenn er geschickt gewesen wäre, etwas mehr an die Opfer und nicht an sein eigenes Leid denken sollen, denn sein eigenes Leid kam nach meiner Einschätzung etwa zu 95 Prozent in seinen Wortbeiträgen vor.“ Krechel fügte hinzu: „Ich würde mich an seiner Stelle nicht so sicher wähnen, dass es so gut für ihn ausgeht.“

Und tatsächlich zieht das Landgericht in Erwägung, den Angeklagten wegen fahrlässiger Tötung in 15 Fällen und fahrlässiger Körperverletzung in 14 Fällen zu verurteilen. Bisher lautet die Anklage nur auf Verstoß gegen das Waffengesetz. Sollte er wegen fahrlässiger Tötung verurteilt werden, droht ihm eine Haftstrafe von bis zu fünf Jahren. Der Vorsitzende Richter Reiner Skujat will das im Verfahren klären.

Die entscheidende Frage des Prozesses ist: Hat der Vater eine Ursachenkette angestoßen, die zum Amoklauf führte? Eines ist laut Ermittlungsakten sicher: Der versierte Sportschütze hatte die Tatwaffe im unverschlossenen Schlafzimmerschrank aufbewahrt. Zum Schutz der Familie für den Fall eines Einbruchs, wie er der Polizei in Vernehmungen sagte.

Hätte der Amokläufer die Tat auch verüben können, wenn sich der Vater rechtmäßig verhalten, seine Waffen und Munition also im Waffenschrank aufbewahrt hätte? Nachermittlungen der 3. Jugendkammer ergaben, dass nicht ausgeschlossen werden kann, dass Tim K. die Zahlenkombination des Waffentresors seines Vaters kannte. Die Argumentation: Hätte der 17-jährige Waffennarr und Fan von Gewalt- und Horrorfilmen den achtstelligen Code gekannt, wäre er auch dann an die Mordwaffe gekommen, wenn sein Vater sie wie vorgeschrieben im Safe verschlossen hätte. Dann wäre der Verstoß des Vaters gegen das Waffengesetz nicht die Ursache für das Massaker seines Sohnes gewesen.

Für den Tatvorwurf der Fahrlässigkeit ist ferner die Frage von Bedeutung, ob die Tat vorhersehbar war. Besonders die Nebenklage dürfte interessieren, ob der Vater hätte ahnen müssen, dass sein Sohn die Waffe für eine solche Tat nutzen könnte. Hier kommt die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Weinsberg ins Spiel. Tim K., der sich viel mit Ballerspielen am Computer beschäftigte, war dort zu mehreren Gesprächen mit einer Psychologin. Dort berichtete er über Mord- und Tötungsfantasien, die ihn quälten. Die Eltern bestreiten, davon gewusst zu haben.

Die Angehörigen der Opfer hoffen derweil weiter auf ein Zeichen des Vaters vor Gericht. Hardy Schober, der seine Tochter verloren hat, stellt aber klar: „Wir wollen keine Rache.“

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