Bundestagswahl - Wahlkampf - Wahlplakate
Was blüht den Südwest-Parteien bei der Bundestagswahl? Die SPD freut sich über das Hoch Olaf, die CDU verzweifelt am Tief Armin. Die Wahl wird auch im Südwesten für neue Rekorde sorgen. 

Verdrehte Welt auch in Baden-Württemberg: SPD im Glück, CDU muss beten

Stuttgart. Die SPD kann ihr Glück derzeit gar nicht fassen - das trifft ganz besonders auf die Sozialdemokraten im Südwesten zu. Für sie ist das wirtschaftsstarke Baden-Württemberg traditionell eher eine Art Diaspora, aber das Umfragehoch, das Kanzlerkandidat Olaf Scholz der Partei im Spätsommer beschert hat, sorgt für strahlende Gesichter.

Scholz zeigt sich ja höchstens mal verschmitzt - auch beim Besuch einer DGB-Veranstaltung Anfang der Woche ist das so.

Als er zum Schluss gefragt wird, ob er auch mit der Union als Juniorpartner regieren würde, sagt er nur: «Ich genieße den Moment ein ganz klein wenig.» Denn vor einem Jahr, als die SPD in Umfragen bei 15 Prozent wie festgenagelt war, wäre er das sicher noch nicht gefragt worden.

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Werden die Genossen in Baden-Württemberg auch die Bundestagswahl am 26. September genießen können? Oder schafft Armin Laschet mit Hilfe der Südwest-CDU und dem «Schreckgespenst» Rot-Grün-Rot noch die Trendwende? Und wie stark werden die Grünen im Kretschmann-Land?

Klar ist: Bei der Bundestagswahl hängt auch viel von den Wählerinnen und Wählern im Südwesten ab. Vor vier Jahren kam nach der Wahl knapp ein Siebtel aller Abgeordneten aus Baden-Württemberg, nur NRW und Bayern hatten mehr. Wenn die CDU im Südwesten schwächelt, dürfte es für Laschet ganz schwer werden. Wie sind also die Aussichten der Landesparteien? Ein Überblick:

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CDU: Der Union droht ein Wahldesaster - auch in Baden-Württemberg. Und obwohl die Bundes-SPD in Umfragen deutlich vor seiner Partei liegt, bleibt Landtagsfraktionschef Manuel Hagel bei dem Ziel: Mehr als 30 Prozent für die CDU im Südwesten und alle 38 Direktmandate. Selbst wenn die Südwest-CDU mit Spitzenkandidat Wolfgang Schäuble (78) das noch knapp schaffen würde, wäre es das schlechteste Ergebnis jemals bei Bundestagswahlen. Die bisherige Untergrenze liegt bei 34,4 Prozent bei der Wahl 2017. Derzeit liegt die Union im Bund aber in den Umfragen im Schnitt bei 22 Prozent. In der Regel schafft die Landes-CDU zwei bis vier Prozentpunkte mehr als im Bundesschnitt.

Doch das dürfte diesmal schwer werden, glaubt Frank Brettschneider von der Uni Hohenheim. «Es ist durchaus denkbar, dass die Landes-CDU schlechter abschneidet als die CDU auf Bundesebene.» Er sieht bei der hiesigen CDU ein «gewisses Mobilisierungsdefizit», weil die Mehrheit gegen Laschet und für Markus Söder als Unions-Kanzlerkandidat war. Sein Kollege Michael Wehner geht nicht davon aus, dass die CDU im Land - wie bei den letzten beiden Malen - in allen 38 Wahlkreisen gewinnt. «Hier muss sie eher mit 30 plus X rechnen», schätzt Wehner von der Landeszentrale für politische Bildung. Vor allem in Groß- und Unistädten seien die Direktmandate für die CDU in Gefahr.

SPD: Dass Parteichefin Saskia Esken mal im Sog der Popularität von Scholz nach ganz oben gezogen würde, ist schon paradox. Zur Erinnerung: Die Abgeordnete aus Calw hatte mit Norbert Walter-Borjans verhindert, dass Scholz Parteichef wurde. Die 60-jährige Parteilinke ist auch Spitzenkandidatin im Südwesten, doch bisher hält sie sich zurück und überlässt dem Kanzlerkandidaten das Feld. Politikexperte Wehner glaubt, dass sowieso die wenigsten wissen, dass Esken im Südwesten das Zugpferd der SPD sein soll.

Die Landes-SPD hat etwas gutzumachen. Bei der Landtagswahl im März landete sie nur bei elf Prozent. Im Bund lag die Südwest-SPD zuletzt immer knapp fünf Punkte unter dem Bundesergebnis. Schafft Scholz tatsächlich über 25 Prozent, könnte auch die Landespartei ihr Ergebnis von vor vier Jahren (16,4) deutlich verbessern. Nach parteiinternen Berechnungen könnten fast zehn Kandidatinnen und Kandidaten mehr über die Landesliste in den Bundestag einziehen als 2017, als es 16 Bewerber schafften. Auch scheint in Mannheim wieder ein Direktmandat drin zu sein.

GRÜNE: Für das Ergebnis der Ökopartei ist Baden-Württemberg extrem wichtig, entsprechend oft machen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock und Robert Habeck hier Wahlkampf. Brettschneider und Wehner glauben, dass die Grünen im Südwesten mit Spitzenkandidatin Franziska Brantner (42) den Sprung über 20 Prozent schaffen. «Die Stammwähler sind mobilisiert, ungeschockt von Baerbocks Fehlern», so Brettschneider. Die Wählerinnen und Wähler, die bei der Landtagswahl wegen Winfried Kretschmann für die Grünen stimmen, seien aber noch unentschlossen.

Trotzdem wird unter dem Strich ein dickes Plus stehen. Die Grünen im Südwesten kamen vor vier Jahren auf 13,5 Prozent und waren so um 4,6 Punkte stärker als die Bundespartei. Zurzeit liegen Grünen im Bund in den Umfragen um die 16 Prozent. Spannend wird, ob die Grünen erstmals ein Direktmandat holen. Ex-Parteichef Cem Özdemir wird das in Stuttgart ebenso zugetraut wie Chantal Kopf (26) in Freiburg.

FDP: Die Liberalen dürften auch im Südwesten von der Schwäche der Union profitieren. Im Bund liegen die Christian-Lindner-Liberalen derzeit zwischen 12 und 13 Prozent. Traditionell liegt die FDP in ihrem Stammland immer etwas darüber, 2017 erreichte sie 12,7 Prozent, zwei Punkte mehr als im Bund. Wehner und Brettschneider glauben, dass die FDP mit ihrer Kritik an weiteren Eingriffen in der Corona-Krise Skeptiker aus dem bürgerlichen Lager anlocken wird, denen die AfD mit ihrem Gegenkurs zu radikal ist.

Die hiesige FDP mit Michael Theurer (54) an der Spitze sei zudem für viele eine Alternative zur CDU, denen Wirtschaftspolitik wichtig sei, findet Brettschneider. Wenn es im Endspurt jedoch noch ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Union und SPD gebe, könnten bürgerliche Wähler am Ende doch noch ihr Kreuzchen bei der CDU machen.

AfD: Die Alternative für Deutschland dürfte ihren dritten Platz bei der Bundestagswahl von 2017 diesmal verlieren. Dennoch peilt sie nach Umfragen ungefähr das gleiche Ergebnis an wie vor vier Jahren. Damals kam sie auf 12,6 Prozent, in Umfragen liegt sie derzeit zwischen 11 und 12 Prozent. Auch im Südwesten dürfte für die AfD mit Alice Weidel (42) ein ähnliches Resultat drin sein.

«Sie hat noch Potenzial, weil auch die Migrationspolitik weiter eine Rolle spielt», sagte Wehner. Sie versuche deshalb auch Afghanistan und die mögliche Aufnahme von Flüchtlingen hochzuziehen, ergänzte Brettschneider. Zudem versuche die AfD Impfgegner und Querdenker anzulocken. Die Frage sei aber, ob die zahlreichen früheren Nichtwähler, die vor vier Jahren für die AfD stimmten, nun wieder ihre Kreuzchen bei der Partei machten.

LINKE: Die Partei von Ex-Parteichef und Spitzenkandidat Bernd Riexinger (65) hat traditionell einen eher schweren Stand im Südwesten. Auf Bundesebene liegt sie in Umfragen derzeit mit sechs Prozent nur knapp über der Fünf-Prozent-Hürde. Ein «Push» aus Baden-Württemberg ist da eher nicht zu erwarten. Die Ergebnisse im Südwesten lagen immer unter dem Bundesresultat. Vor vier Jahren kam die Linke auf 9,2 Prozent, die Landespartei auf 6,4 Prozent. Bei der Landtagswahl im März verpasste sie mit nur 2,9 Prozent mal wieder den Einzug ins Parlament.

In Baden-Württemberg habe das von der Union an die Wand gemalte «Schreckgespenst» von einer rot-grün-roten Regierung durchaus noch Wirkung, meint Wehner. Außerdem bündele die Scholz-SPD derzeit die Wähler aus dem linken Lager.