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Verwandte und Überlebende des Nazi-Massakers in Sant' Anna di Stazzema weinen bei der Urteilsverkündung in Italien. Lebenslange Haft für 10 ehemalige NS-Offiziere.
Verwandte und Überlebende des Nazi-Massakers in Sant' Anna di Stazzema weinen bei der Urteilsverkündung in Italien. Lebenslange Haft für 10 ehemalige NS-Offiziere. © dpa
02.10.2012

Verfahren zum Nazi-Verbrechen in Sant' Anna di Stazzema eingestellt

Stuttgart. Nach zehn Jahre langen Ermittlungen zu einem NS-Massaker im toskanischen Bergdorf Sant' Anna di Stazzema hat die Stuttgarter Staatsanwaltschaft die Ermittlungen eingestellt. Dies hat in Italien Kritik und Unverständnis ausgelöst.

Mehrere Politiker kritisierten nach italienischen Medienberichten vom Dienstag die Entscheidung der Stuttgarter Staatsanwaltschaft. Diese hatte am Montag mitgeteilte, dass den 17 Beschuldigten keine Morde nachgewiesen werden könnten. Hintergrund des Ermittlungsverfahrens war ein Massaker, das von Angehörigen der 16. SS-Panzergrenadierdivision «Reichsführer SS» am 12. August 1944 verübt wurde. Die italienischen Behörden gehen von 560 Todesopfern aus, darunter mindestens 107 Kinder im Alter bis zu 14 Jahren. In einem italienischen Prozess waren vor einigen Jahren mehrere in Deutschland lebende Beschuldigte zu lebenslangen Strafen verurteilt worden. Der zuständige Militärstaatsanwalt, Marco De Paolis, äußerte sich Zeitungsberichten zufolge erstaunt über die deutsche Entscheidung. Das Urteil in Italien habe nicht nur auf Dokumente und Zeugen gestützt, sondern einige der Beschuldigen hätten auch gestanden.

 

Was geschah in Sant' Anna di Stazzema?

Am 12. August 1944 dringt die 16. SS-Panzergrenadierdivision «Reichsführer SS» in das Dorf ein. Das Bataillon unter SS-Hauptsturmführer Anton Galler zündet Leuchtsignale. Das wird von den Männern im Dorf als Zeichen für eine «Arbeiterfangaktion» gewertet; sie ergreifen die Flucht und lassen Ältere, Frauen und Kinder im Dorf zurück. Etwa 400 Soldaten gehen schießend durch den Ort, sammeln die Einwohner in Ställen, Höfen und dem Kirchplatz, wo sie mit Handgranaten, Handfeuerwaffen und Maschinengewehren ermordet werden. Vor ihrem Abzug zünden die Deutschen noch die Leichen an. Schätzungen gehen von bis zu 560 Toten aus.

 

Was war der Hintergrund für die Bluttaten?

In Bergorten wie Sant' Anna di Stazzema (Toskana) und Marzabotto (Emilia-Romagna) vermuteten die Deutschen Partisanen oder zumindest deren Sympathisanten. Die Zahl solcher Überfälle auf die Zivilbevölkerung lag nach Angaben des Kölner Historikers Carlo Gentile in dreistelliger Höhe. Die Schätzung von 10 000 Toten bei von den Nazis als «Bandenbekämpfung» deklarierten Aktionen sei noch recht konservativ. «Die Toten waren völlig unschuldige Menschen, darunter sehr viele Kinder und Frauen», sagt der Wissenschaftler.

 

Wie wurden die Verbrechen geahndet?

In der ersten Phase nach dem Krieg ermittelten die Alliierten gegen die hohen deutschen Chargen. Für für Bluttaten in Italien verantwortliche Oberbefehlshaber Albert Kesselring und SS-General Max Simon wurden zum Tode verurteilt, aber nach wenigen Jahren Haft begnadigt und auf freien Fuß gesetzt. Ende der 1940er Jahre stellten italienische Militärstaatsanwälte dann mittlere Führungsfiguren vor Gericht, die für einzelne Massaker verantwortlich waren. Nur wenige verbüßten lange Haftstrafen, darunter der österreichische SS-Führer Walter Reder, der für das Massaker von Marzabotto verantwortlich war.

 

Was ist der «Schrank der Schande»?

Die in den späten 1990er beginnenden Ermittlungen italienischer Staatsanwälte basierten auch auf Material aus dem «Schrank der Schande». Bei der Suche nach alten Akten stieß ein italienischer Militärstaatsanwalt 1994 in Rom auf das Möbelstück, das mit der Öffnung zur Wand stand. Darin fand er rund 2200 Meldungen zu Straftätern und 700 Untersuchungsakten, die den zuständigen Staatsanwaltschaften weitergeleitet wurden.

 

Warum widmete sich die Stuttgarter Staatsanwaltschaft dem Fall?

Die Zentrale Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg übergab ihre Vorermittlungen zu Sant' Anna di Stazzema 2002 der Staatsanwaltschaft Stuttgart, weil Beschuldigte aus Baden-Württemberg kamen. Diese beauftragte die Ermittlungsgruppe «Nationalsozialistische Gewalt» beim Landeskriminalamt (LKA) mit weiteren Recherchen. Da diese laut LKA «wahnsinnig umfangreich» und «unwahrscheinlich aufwendig» waren, wurden die Ergebnisse erst im Juni 2012 - also zehn Jahre später - den Staatsanwälten übergeben.