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Bei den Grünen in Baden-Württemberg träumt man von einer City-Maut. In den Rathäusern sieht man diese Maut eher kritisch.
Bei den Grünen in Baden-Württemberg träumt man von einer City-Maut. In den Rathäusern sieht man diese Maut eher kritisch. © dpa
06.05.2012

Viele Städte im Südwesten wollen keine City-Maut

Einige Grünen-Politiker wie der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer träumen seit Jahren davon: Eine Gebühr, die jeder Autofahrer zahlen muss, sobald er in ein Stadtzentrum fährt. Mit dem Geld könnten in Tübingen alle Busse kostenlos angeboten werden, rechnet Palmer vor. Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) will das Thema City-Maut nun bundesweit vorantreiben.

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City-Maut: Soll es eine Gebühr fürs Einfahren mit dem Auto in Innenstädte geben?

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Doch abgesehen von Palmer stößt er mit seiner Initiative in den Rathäusern auf wenig Begeisterung, wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa ergab. Die anderen großen Städte im Land setzen durchgehend auf Verkehrsleitsysteme statt auf die Maut.

MANNHEIM sei es in den vergangenen Jahrzehnten schon gelungen, den Autoverkehr in der Innenstadt deutlich zu reduzieren, sagte Sprecher Dirk Schuhmann. Zur Hochphase 1987 steuerten täglich mehr als 73 000 Autos das Zentrum an, 2008 waren es nur noch rund 51 000. «Das ist der Stand von 1962 - trotz gestiegener Einwohnerzahl.» Dafür würden wesentlich mehr Radfahrer gezählt, und die Nutzer des Öffentlichen Nahverkehrs hätten sich zwischen 1990 und 2010 fast verdoppelt - auf 220 000 Menschen pro Tag, betonte er.

Im Rathaus der Landeshauptstadt STUTTGART kann man sich eine City-Maut wenn überhaupt nur im Rahmen einer bundesweiten Lösung vorstellen. Eine solche Maut könnte sich «kaum auf einzelne Kommunen beschränken», sagte ein Sprecher. Denn diese wäre auch mit «gewaltigen organisatorischen Fragen verbunden». Stuttgart setze derzeit auf eine indirekte City-Maut durch kostenpflichtige Parkplätze. Zudem sollen Menschen, die Bus und Bahn fahren und dafür eine Jahreskarte haben, von 2013 an mit ihrem ÖPNV-Ticket auch Leihfahrräder und Elektroautos nutzen können.

Selbst das von einem grünen Rathauschef regierte FREIBURG sieht keine Veranlassung, eine Maut einzuführen. Die Stadt verfolge seit 30 Jahren eine andere Philosophie: «Hier wird der Fußgänger- und der Radverkehr so stark es geht gestärkt, die Parkplätze in der Innenstadt sind alle bewirtschaftet, der öffentliche Nahverkehr stark gefördert», sagte Sprecherin Edith Lamersdorf. Inzwischen seien mehr als zwei Drittel der Innenstadtbesucher umweltfreundlich unterwegs.

In KARLSRUHE sieht Baudezernent Michael Obert gar keine Notwendigkeit, den Verkehr aus der Innenstadt zu verdrängen. Zurzeit werde ein Verkehrssystem entwickelt, dass einzelne Quartiere vom Verkehr entlasten soll - «unter Sicherung einer Mindestqualität für Autofahrer», betonte er.

Auch HEIDELBERG will das Zentrum für alle zugänglich halten, um seinem Selbstverständnis als «weltoffene und gastfreundliche Stadt» gerecht zu werden. Ein Parkleitsystem zu 7500 Parkplätzen soll den Verkehr regeln, sagte Stadtsprecher Bert-Olaf Rieck. «Außerdem ist die historische Altstadt bereits seit mehr als drei Jahrzehnten zu großen Teilen Fußgängerbereich und damit weitgehend autofrei.»

Ähnlich sieht es in BADEN-BADEN aus. Dort hat die Stadt mit dem Michaelstunnel - der im Moment gesperrt ist - einen Großteil des Verkehrs unter die Stadt verlegt. Besucher, die mit dem Auto kommen, werden auf die rund 4000 Parkplätze gelotst. Auch REUTLINGEN setzt vor allem auf den Scheibengipfeltunnel, der gerade gebaut wird und das Kernstück der neuen Stadtumgehung sein wird. Eine Maut sei deshalb kein Thema. Lediglich punktuelle Eingriffe in den Straßenverkehr seien denkbar, sagte die Erste Bürgermeisterin Ulrike Hotz. «Hierzu zählt zum Beispiel auch die Sperrung der Durchgangsstraßen für den Lkw-Verkehr.» HEILBRONN will seine Verkehrsprobleme ebenfalls ohne Maut in den Griff bekommen.

Gegenwind für die Mautpläne kommt auch vom Automobilclub ADAC Südbaden. «Die Autofahrer haben durch hohe Steuern ihre Straßen bereits voll bezahlt», sagte der Vorsitzende, Volker Mattern. «Aus diesem Grund darf man sie nicht noch einmal zur Kasse bitten.» dpa

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