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Carola und Nils Kappler, Mitarbeiter des gleichnamigen Pforzheimer Sicherheitsdienstes, führen in Tiefenbronn mit zwei Wachhunden einen Kontrollgang durch. Nachdem „Ochsen-Post“-Wirt Theo Jost zweimal innerhalb von zwei Wochen von Einbrechern heimgesucht wurde, hat er mit anderen Bürgern private Wachleute beauftragt.
Carola und Nils Kappler, Mitarbeiter des gleichnamigen Pforzheimer Sicherheitsdienstes, führen in Tiefenbronn mit zwei Wachhunden einen Kontrollgang durch. Nachdem „Ochsen-Post“-Wirt Theo Jost zweimal innerhalb von zwei Wochen von Einbrechern heimgesucht wurde, hat er mit anderen Bürgern private Wachleute beauftragt. © dpa
15.09.2014

Von Brecheisen und Bürgerwehren - Baden-Württemberg als Einbrecherparadies

Lange galt der Südwesten als besonders sicher. Doch nachdem sich die Einbrüche häufen, geht die Angst um - auch, weil durch die Strukturreform noch nicht alles rund läuft bei der Polizei. Um die Lage zu normalisieren, prüfen die Ordnungshüter spezielle Maßnahmen. „Ochsen-Post“-Wirt Theo Jost aus Tiefenbronn wollte nicht so lange warten und ist selbst aktiv geworden.

Geht es um das eigene Hab und Gut, schrillen bei Bürgern schnell die Alarmglocken. So wie nach einer Einbruchsserie in Tiefenbronn, einer 5000-Seelen-Gemeinde im Stuttgarter Speckgürtel. Theo Jost, Wirt der «Ochsen-Post», engagierte hier im Mai kurzerhand einen privaten Wachdienst, der zunächst zur Probe durch den Ort patrouillierte. Denn von der Polizei fühlte er sich nach zwei Einbrüchen in sein Restaurant innerhalb von zwei Wochen nicht mehr geschützt.

Opposition und Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) sehen grundlegende Probleme als Ursache für die Entwicklung, die manchmal eine gefühlte scheint, sich aber auch in Zahlen bemerkbar macht. So stieg die Zahl der Einbrüche 2013 urplötzlich um fast ein Drittel. 11 300 Fälle wurden registriert.

Das war vor der Strukturreform, die laut Innenminister Reinhold Gall (SPD) noch bis zum kommenden Jahr dafür sorgt, dass nicht alles rund läuft bei der Polizei. Eine Aussage, die beim Landeschef der DPolG, Joachim Lautensack, für Kopfschütteln sorgt. Sie sei ein «Armutszeugnis», sagt er. Und sowieso sei die Polizeireform völlig überdimensioniert. In den Revieren kämen viele Beamte durch die Umstellung an ihre persönlichen Grenzen. «Die Polizei hat eher an Leistungsfähigkeit verloren als gewonnen», resümiert Lautensack.

CDU-Fraktionschef Peter Hauk hält eine personelle Aufstockung der Polizei für nötig. Fünf bis sechs Beamte mehr sollten auf die Reviere kommen - auch mit Blick auf die steigende Zahl an Einbrüchen. Ein weiterer Vorschlag von Hauk: Den freiwilligen Polizeidienst wieder stärker zu fördern. Eine Forderung, mit der er bei Lautensack offene Türen einrennt. Ein Freiwilliger könne zwar keinen ausgebildeten Polizisten ersetzen, aber die Beamten im Einsatz entlasten, sagt Lautensack - insbesondere in Randzeiten wie in der Nacht oder am Wochenende.

Im Innenministerium kann man die Vorwürfe nicht verstehen. Die CDU hätte sich in Zeiten der schwarz-gelben Landesregierung um zusätzliche Polizisten kümmern sollen, sagt ein Sprecher. Stattdessen habe sie selbst knapp 1000 Personalstellen bei der Polizei und viele Polizeiposten abgebaut. Von einem freiwilligen Polizeidienst hält man im Haus von Reinhold Gall (SPD) nichts. Das passe «nicht mehr in die Landschaft».

Unterdessen prüft die Polizei unorthodoxe Wege, um die Kriminalität zu bekämpfen - und wandelt dabei auch auf Hollywoods Spuren. Ähnlich wie in dem Kinohit «Minority Report» mit Tom Cruise will die Polizei Straftaten verhindern, bevor sie entstehen - mit Hilfe einer Software. Dazu prüft die Polizei in Baden-Württemberg derzeit ein Programm namens «Predictive Policing» (vorbeugende Polizeiarbeit).

Doch noch ist fraglich, mit welchen Daten die Software gespeist werden kann. Nicht jedem Bürger wäre es recht, wenn sein Nummernschild erfasst oder Angaben über die Nutzung seiner Handykarte in die Datenbank aufgenommen werden. Daher befindet sich das Projekt noch in der Prüfungsphase - und ist bis jetzt Science Fiction.

Im Stuttgarter Norden will die Polizei in diesem Monat rund 2500 Fragebögen an Haushalte verschicken. Dadurch versprechen sich die Beamten Informationen darüber, wie ihre Präventionsmaßnahmen ankommen. Die Teilnahme ist freiwillig. Laut Ministerium ist es «ein gutes Beispiel» für die verschiedenen Konzepte gegen Wohnungseinbrüche. Andere landesweite Aktivitäten sollen folgen.

Theo Jost, den Wirt aus Tiefenbronn, sorgt weiterhin lieber selbst für seine Sicherheit. Der von ihm bezahlte Wachdienst habe dafür gesorgt, dass es in den vergangenen Monaten keine Einbrüche mehr in der Gemeinde gegeben habe. Er hoffe jetzt, dass der Gemeinderat dafür stimmt, einen Teil der Kosten zu übernehmen. Auf eine Reaktion der Landesregierung, sagt er, will er nicht warten.