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Im Rathaus der südbadischen Gemeinde Rickenbach wird der krangeschriebene Bürgermeister seit 16 Monaten vermisst. Von ihm fehlt jede Spur. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn, weil er einen Brandbombenanschlag auf sich selbst inszeniert haben könnte.
Im Rathaus der südbadischen Gemeinde Rickenbach wird der krangeschriebene Bürgermeister seit 16 Monaten vermisst. Von ihm fehlt jede Spur. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn, weil er einen Brandbombenanschlag auf sich selbst inszeniert haben könnte. © dpa
30.11.2011

Vorgetäuscher Brandanschlag: Bürgermeister fehlt seit 16 Monaten

Rickenbach. Im Büro von Bürgermeister Norbert Moosmann im Rathaus von Rickenbach ist alles an seinem Platz. Das Zimmer ist aufgeräumt, auf und hinter dem Schreibtisch liegen Akten. Sie warten darauf, bearbeitet zu werden. Doch der schwarze Ledersessel am Bürgermeister-Tisch ist unbesetzt. Vom umstrittenen Rathauschef fehlt jede Spur. Seit 16 Monaten ist das schon so. Nächste Woche könnte Moosmann zurückkehren. Doch kaum jemand im Ort glaubt daran.

Diese Woche ist der 40-Jährige noch krankgeschrieben. Am Montag (5. Dezember) wäre sein erster Arbeitstag. Die Mitarbeiter im Rathaus haben seit Monaten nichts gehört von ihrem Chef, von dessen Anwalt oder seinen Ärzten. Nur von der Staatsanwaltschaft. Diese ermittelt gegen Moosmann. Er soll einen Brandbombenanschlag auf sich inszeniert haben. Als Komplize soll sein Lebensgefährte agiert haben.

«Er ist wie vom Erdboden verschluckt», sagt Hubert Strittmatter, Mitglied des Gemeinderats und ehrenamtlicher Stellvertreter des Bürgermeisters. Seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte Moosmann im August 2010. Damals kam er zur örtlichen Feuerwehr, die ihr neues Löschfahrzeug in Betrieb nahm.

Schon lange davor hatte es Streit gegeben in der kleinen Hotzenwald-Gemeinde mit ihren 3875 Einwohnern, in der Moosmann im Februar 2007 zum Chef gewählt worden war. Der Gemeinderat und immer mehr Bürger hatten sich mit der Zeit gegen den parteilosen Bürgermeister gestellt.

Dieser klagte über Angriffe auf seine Person, über Beulen an seinem Auto, Morddrohungen und tote Mäuse im Briefkasten. Er begab sich in medizinische Behandlung. Konkrete Hinweise, dass Moosmann bedroht wurde, hat die Staatsanwaltschaft jedoch nicht gefunden.

Seit dem Termin bei der Feuerwehr ist Moosmann wegen einer psychischen Belastungsstörung krankgeschrieben. Laut ärztlichem Attest ist er arbeitsunfähig. Vor fünf Monaten saß Moosmann dennoch an seinem Schreibtisch im Rathaus - jedoch nur für einen Tag. Es flog eine Brandbomben-Attrappe durchs Fenster direkt vor seinen Schreibtisch. Moosmann konnte nicht flüchten, weil die Tür von außen mit einem Holzkeil versperrt worden war.

Die Ermittler sind sich inzwischen sicher, dass Moosmann den Anschlag auf sich vorgetäuscht hat. Er und sein Freund stehen im Zentrum der Ermittlungen. Geäußert haben sie sich zu den Vorwürfen bislang nicht. Sie hatten im Frühjahr geheiratet und leben 90 Kilometer entfernt von Rickenbach. Moosmanns Homosexualität war nie Thema in der Gemeinde. Konkrete politische Vorwürfe stehen auch nicht im Raum. «Der Ort und der Bürgermeister haben einfach nicht zusammengepasst», sagt ein Rickenbacher.

«Diese unglückliche Geschichte lähmt unseren Ort. Wir alle wären froh, wenn dieses Kapitel bald beendet wäre», sagt Strittmatter über den Streit mit dem Bürgermeister. Eine Abwahl des Gemeindeoberhaupts, wie viele Rickenbacher sie sich wünschen, scheitert bislang an den hohen juristischen Hürden.

Moosmann bekommt, obwohl er seit mehr als einem Jahr gar nicht arbeitet, von der Gemeinde sein volles Gehalt. «Wir überweisen das Geld jeden Monat für nix und wieder nix», ärgert sich Strittmatter. Niemand im Ort und der Umgebung kann sich daran erinnern, dass es irgendwo einen solchen Fall schon einmal gegeben hat.

Ob im örtlichen Metzgerladen, im Lebensmittelgeschäft oder auf der Straße: Moosmann kann hier nicht mehr mit Verständnis rechnen. «Ich glaube nicht, dass der sich hier her traut», sagt die Frau im Lebensmittelmarkt. «Aber irgendwann muss die Geschichte doch ein Ende haben.» Die Rickenbacher wünschen sich wieder einen Bürgermeister. Und nicht einen, der sie lediglich auf der Internetseite des Rathauses freundlich grüßt.

Bis dahin arrangieren sie sich. Ein Amtsverweser, der ehrenamtlich die Geschäfte führt, kümmert sich um jene Aufgaben, die besonders dringend abgearbeitet werden müssen.

«Uns sind die Hände gebunden», sagt Walter Scheifele, Regierungsdirektor im Landratsamt Waldshut. Die Behörde prüft den Gesundheitszustand Moosmanns und hat ein Disziplinarverfahren eingeleitet. «Wir müssen aber das Ende des strafrechtlichen Verfahrens abwarten.» Erst, wenn eindeutig klar ist, dass der Bürgermeister ein Krimineller ist, können das Landratsamt und die Gemeinde mehr unternehmen.

Doch das kann dauern, denn die Ermittlungen ziehen sich in die Länge. Oberstaatsanwalt Gerhard Wehmeier leitet sie. Seit fünf Monaten ist er dem ins Strudeln geratenen Bürgermeister auf der Spur. Immer mehr Indizien kommen ans Licht, die den Politiker und seinen Partner belasten. Doch festlegen, wann die Untersuchungen beendet sind, will sich der Staatsanwalt nicht. Nicht einmal schätzungsweise. «Die Ermittlungen werden mit Sicherheit noch eine ganze Weile in Anspruch nehmen», sagt er.

Die Rickenbacher müssen sich bis dahin in Geduld üben. «Die Unzufriedenheit, der Frust und der Ärger sind sehr groß», sagt der Amtsverweser, der frühere Bürgermeister der Nachbargemeinde Herrischried, Roland Baumgartner. «Dieser Ort hat es verdient, wieder einen richtigen Bürgermeister zu haben.»

Um den Weg für Wahlen frei zu machen, müsste Moosmann zurücktreten. Danach sieht es aber nicht aus. Moosmann selbst äußert sich nicht. Auch die Staatsanwaltschaft hat ihn noch nicht gehört. Wann dies der Fall sein wird, ist unklar, sagt Staatsanwalt Wehmeier. «Aus unserer Sicht besteht hierfür kein Grund zur Eile.» dpa