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Gemeinsam mit seiner Frau Inge wurde Walter Jens in den 80er Jahren zu einer Galionsfigur der Friedensbewegung. © dpa
07.03.2013

Walter Jens wird 90: ein streitbarer Geist und «Redner der Republik»

Tübingen. Manche halten ihn für den letzten großen Intellektuellen der Republik. Doch davon weiß Walter Jens schon seit Jahren nichts mehr. Seit gut fünf Jahren kann er nicht mehr reden, nicht mehr denken, nicht mehr schreiben. Eine Demenz-Erkrankung hat den großen Intellektuellen verstummen lassen.

Bildergalerie: Walter Jens wird 90: Demenz macht ihm zu schaffen

Unzufrieden scheint er damit nicht zu sein. Der Mann, für den ein Leben ohne die Künste früher so unvorstellbar war, dass er dann lieber durch eine tödliche Spritze sterben wollte, kämpft mit einem unbändigen Lebenswillen gegen jede Krankheit, so erzählt seine Familie. An diesem Freitag wird der langjährige Präsident der Berliner Akademie der Künste 90 Jahre alt.

Eigentlich wollte Jens Strafverteidiger oder Prediger werden. 1947 begann er, Romane, Dramen, Hörspiele und Essays zu schreiben. 1950 kam er als Dozent an die Universität Tübingen, wo er 38 Jahre lang Rhetorik lehrte. 1950 stieß er auch zu der legendären Schriftstellervereinigung «Gruppe 47». Er übersetzte Evangelien aus dem Neuen Testament, erzählte die Odyssee nach und widmete sich dem «Fall Judas», den er ungerecht beurteilt sah. Viele Neuauflagen erlebte sein Standardwerk «Statt einer Literaturgeschichte» von 1957.

Vor allem aber prägte er wie nur wenige als gesellschaftspolitisch engagierter Moralist und Pazifist das geistige Nachkriegsdeutschland. «Intellektuelle müssen sich einmischen und warnen», fand er. «Das Wenige, was wir tun können, das kann man von uns auch erwarten, sonst mag man nicht mehr so gerne in den Spiegel schauen.»

So gesehen hat er auch im Amt des Präsidenten der Berliner Akademie der Künste, das Jens glanzvoll ausübte, in Klaus Staeck heute einen würdigen Nachfolger gefunden. Denn Staeck wird nicht müde, dieses Credo von Jens zu erneuern, ähnlich wie es der jüngst gestorbene Autor Stéphane Hessel mit seinen Aufrufen «Empört euch!» und «Engagiert euch!» formulierte.

Gemeinsam mit seiner Frau Inge wurde Walter Jens in den 80er Jahren zu einer Galionsfigur der Friedensbewegung. 1984 beteiligte er sich an Sitzblockaden vor dem Atomwaffendepot Mutlangen, während des Golfkriegs 1990 versteckte er desertierte US-Soldaten in seinem Haus und kam dafür wegen Beihilfe zur Fahnenflucht vor Gericht.

Im Mai 1989 wählte die Berliner Akademie der Künste Walter Jens zu ihrem Präsidenten. Nach der Wiedervereinigung betrieb er nach anfänglicher Skepsis den Zusammenschluss mit der Akademie der Künste der DDR, was zu vielfältigen Protesten und Austritten prominenter Mitglieder führte.

Im hohen Alter musste sich Jens dann aber auch selbst kritisch nach seiner Moral befragen lassen, als seine NSDAP-Mitgliedschaft als junger Mann bekannt wurde. «Kann ein 18-Jähriger nicht lernen?», fragte er später. Er sei wohl mit vielen anderen Angehörigen der Hitlerjugend «summarisch» in die Partei überführt worden. «Hätte ich mich anders verhalten können? Dazu fehlte mir der Mut.»

Mit Hilfe seiner Frau Inge Jens, der Herausgeberin der Thomas- Mann-Tagebücher, kam Jens im hohen Alter von 80 Jahren noch zu unverhofften Bestseller-Ehren. Die gemeinsam verfasste Biografie «Frau Thomas Mann - Das Leben der Katharina Pringsheim» verkaufte sich besser als so manche Thomas-Mann-Biografie. «Zusammen waren wir gut», sagte Walter Jens in der Zeitschrift «Sinn und Form» dazu. Aber es habe auch «oft gekracht», fügte seine Frau hinzu.

2006 wurden schließlich die Anzeichen der Demenz-Erkrankung unübersehbar. Bei einer Autogrammstunde gelang es dem wortgewaltigen Schriftsteller plötzlich nicht mehr, seinen Namen zu schreiben. Langsam aber unaufhaltsam schreitet die geistige Umnachtung seitdem voran. Es war genau ein solches Leben, vor dem er immer Angst hatte. Vehement war er deshalb einst für die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe eingetreten.

«Ich weiß genau, und es steht Wort für Wort in unserer Patientenverfügung formuliert, dass mein Mann so, wie er jetzt leben muss - unfähig zu schreiben, zu sprechen, zu lesen, überhaupt noch zu verstehen - niemals hat leben wollen», erzählt Inge Jens der Nachrichtenagentur dpa. Und trotzdem ist sie sicher: «Er hat seinen Lebenswillen durch die Demenz nicht verloren.»