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Laut Polizei hat der gegen eine Zwangsräumung kämpfende Karlsruher Geiselnehmer seine vier Opfer "regelrecht hingerichtet". Sich selbst tötete er durch einen Kopfschuss. © dpa
05.07.2012

Was trieb den Karlsruher Geiselnehmer?

Der Kriminologe Rudolf Egg hat den Karlsruher Geiselnehmer mit einem Amokläufer verglichen. «Er ist einem ähnlichen seelischen Muster gefolgt. Er hat erst jene bestraft, die er für seine Lage verantwortlich machte, und dann sich selbst getötet», sagte der Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden. Wie bei einem Amoklauf sei auch diese Tat längst abgeschlossen gewesen, als die Einsatzkräfte kamen. «In solchen Fällen hat die Polizei kaum ein Chance. Das ist frustrierend.»

Bildergalerie: Blutige Geiselnahme: Szenen vom Tatort in Karlsruhe

Solche Täter hätten Wut und Hass auf die ganze Welt. Die Ursachen dafür seien vielfältig. «Da müssen weit mehr Dinge zusammenkommen als eine Zwangsräumung», sagte Egg. Ein solcher Anlass könne allerdings das Fass zum überlaufen bringen. Diese Menschen seien dann an einem Punkt, an dem sie keinen Sinn mehr in ihrem Leben sehen. «Sie treten quasi durch eine Tür in einen neuen Raum. Alle Verzweiflung fällt von ihnen ab und sie werden ganz ruhig, weil sie nur noch ein Ziel kennen.»

Deshalb begingen sie ihre Taten nicht im Affekt. Der Karlsruher Geiselnehmer etwa habe sich etwa eine Stunde Zeit gelassen, sei immer wieder in die Küche gelaufen, um Bier zu trinken und zu rauchen, während seine Geiseln gefesselt im Wohnzimmer saßen. Die Möglichkeit, in diesem Moment auf solche Menschen einzuwirken, schätzt Egg als sehr gering ein. Die Polizei sei zwar gut geschult im Umgang mit Geiselnehmern. «Aber was nützt das, wenn der Geiselnehmer nicht ansprechbar ist.»

Dass der Karlsruher Täter auch seine Partnerin ermordet hat, kann laut Egg aus zwei Motiven passiert sein: «Entweder er hat sie ebenfalls beschuldigt, an seinem Unglück verantwortlich zu sein, oder er hat geglaubt, dass ihr Leben ohne ihn nichts mehr wert ist. Das käme dann einem erweiterten Suizid gleich.»

Schwieriger sei die Frage zu beantworten, warum der Täter den Sozialarbeiter freigelassen hat. Er sollte offenbar der Polizei erzählen, wie schwer der Geiselnehmer bewaffnet war. «Daraus könnte man schließen, dass der Täter doch noch auf Verhandlungen setzte», sagte Egg. Dieses Puzzlestück passe bislang nicht in das Bild.

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