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Seit nunmehr sieben Jahren steht der Grüne Winfried Kretschmann an der Spitze des Landes. Foto: dpa
Seit nunmehr sieben Jahren steht der Grüne Winfried Kretschmann an der Spitze des Landes. Foto: dpa
09.11.2018

Weitsichtig oder abgehoben? Kretschmann hat Erfolg

Stuttgart. Winfried Kretschmanns Regierungsstil wird immer wieder diskutiert. Am Ministerpräsident prallt das ab – der Erfolg gibt ihm Recht.

Es ist eine dieser Fragen in der wöchentlichen Regierungs-Pressekonferenz, mit der Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) offenkundig wenig anfangen kann oder will. Wie er denn zur betäubungslosen Kastration von Ferkeln stehe, will eine Journalistin wissen. „Ich sag’ dazu nichts. Ich hab’ mich damit jetzt einfach nicht beschäftigt“, antwortet der Regierungschef. Er müsse sich erst sachkundig machen.

Vielleicht ist Kretschmann da wirklich nicht auf dem aktuellen Stand. Vielleicht weiß er aber auch, dass das Thema im ländlichen Baden-Württemberg von großer Bedeutung ist, zwischen seinen Grünen und der mitregierenden CDU durchaus kontrovers diskutiert wird und ihm eine Antwort einigen Ärger einbringen könnte.

Interessiert sich der Regierungschef nicht für das Klein-Klein der Landespolitik? Die Opposition wirft Kretschmann seit langem vor, arrogant und abgehoben zu regieren. Nach siebeneinhalb Jahren als Landeschef können sich aber auch einige politische Beobachter des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass Kretschmann sich zunehmend seinen „langen Linien“ widmet.

Gerne spricht der 70-Jährige ausführlich über die Weltlage und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. So ist es auch beim Landesparteitag der Grünen Anfang Oktober: Die Kleinarbeit überlässt der Regierungschef seinen Fachministern und den Vertretern der Grünen-Landtagsfraktion.

Eine gelungene Arbeitsteilung? „Ein Ministerpräsident muss sich nicht mit Details beschäftigen“, sagen die, die darin kein Problem sehen. Bislang schadet ihm das nicht, auch wenn er etwa das Wohnungsproblem lange nicht auf dem Radar hatte. Die Anfangseuphorie über den ersten grünen Regierungschef ist zwar vorbei. Aber die Umfragewerte für Kretschmann und die Grünen sind gut. Seine grün-schwarze Koalition regiert solide, er sitzt fest im Sattel. Wenn es aus eigenen Reihen Kritik an ihm gibt, dann wird sie intern geäußert.

Kretschmann selbst sagt, seine Beschäftigung mit Details der Regierungsarbeit habe eher zugenommen. „Meine Arbeit findet zum großen Teil hinter den Kulissen statt, weil ich für Lösungen sorgen muss, wenn es Konflikte gibt“, sagt er in einem Interview.

Bei der Veranstaltung zu zweieinhalb Jahren Landesregierung in Stuttgart parliert Kretschmann über das Mega-Thema Digitalisierung und seine Reise ins Silicon Valley. Ab und zu lässt er eine Anekdote fallen. Die Menschen lachen. Kretschmann heimst mehr Applaus ein als sein Vize Thomas Strobl (CDU), der ebenfalls versucht, Punkte zu sammeln.

Kretschmann als jemand, der in unruhigen Zeiten Orientierung gibt – diese Rolle inszeniert sein Stab nahezu perfekt. Am Freitagabend hat Kretschmann in Stuttgart sein Buch „Worauf wir uns verlassen wollen – Für eine neue Idee des Konservativen“ vorgestellt. Es passt zu seiner „langen Linie“, die Grünen in der politischen Mitte zu verankern und mit modernem Konservatismus für Wähler interessant zu machen, die ihr politisches Zuhause eigentlich in der Union sehen. Sein Erfolg gibt ihm recht.

Kretschmann ist schon lange dabei, den Begriff Heimat für sich zu kapern – ursprünglich ein konservatives Thema. An der Heuneburg im Landkreis Sigmaringen will das Land etwa eine Kelten-Erlebnisstätte errichten. CDU-Politiker schäumen – sie seien jahrelange an dem Thema dran gewesen. „Jetzt zockt er die Lorbeeren dafür ab“, ist man empört. Zugleich erkennen sie aber auch neidisch an: Clever ist er, der Kretschmann.