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Platz da: Im Wald kollidieren die Interessen von Radfahrern und Wanderern.  Foto: dpa
Platz da: Im Wald kollidieren die Interessen von Radfahrern und Wanderern. Foto: dpa
16.10.2015

Wem gehört der Wald?

Den Sommer über tauchten im Schwarzwald Fallen auf, die Leib und Leben der Radfahrer gefährden. Gelegt von Wanderern? Wohl eher nicht. Denn das Verhältnis zwischen Mountainbikern und Wanderern ist besser als viele glauben. Die größten Probleme, heißt es aus der Biker-Szene, liegen woanders.

Welch beeindruckendes Wegenetz: Rund 24 000 Kilometer Wanderstrecke beschildert und pflegt der Schwarzwaldverein. Das ist das Vierfache der Entfernung von Pforzheim nach New York. Zumindest knapp eineinhalb Mal lässt sich diese Route zurücklegen, wenn man die Mountainbike-Wege im Schwarzwald zusammenzählt: 8500 Kilometer. Das klingt nach genug Platz für alle – möchte man meinen.

Denn manchmal geraten Wanderer und Biker im Süden des Landes trotzdem aneinander. Häufiger verbal, seltener körperlich – und vereinzelt wurde es für Biker im Sommer richtig gefährlich: Anfang September stürzte in Althengstett eine Radfahrerin über eine gespannte Schnur, im Juni entdeckten jugendliche Biker in Oberkirch eine mit Schrauben gespickte Baumwurzel, mehrfach brachten im Raum Offenburg gespannte Drähte Zweiradfahrer in den Wäldern zu Fall. „Die Intensität, Qualität und Quantität der Fallen, welche mir in den verschiedensten Formen auf den Pfaden begegnen, haben in den letzten Jahren leider zugenommen“, sagt Patrick Schmidt, der mit seinem Mountainbike oft in Deutschlands Wäldern unterwegs ist. „Fast täglich“ könne man in Ballungsgebieten „Baumstämme, dicke Äste oder gar kniehohe Hürden, die daraus gebaut wurden“, entfernen.

Beleidigungen am Roßkopf

Eine dieser Regionen, in denen viele Wanderer und Radfahrer unterwegs sind, ist der Roßkopf im Breisgau. Dort ärgern sich aber nicht nur Biker über Fußgänger – sondern auch Fußgänger über Biker. So wie der Mann, der in einer Online-Diskussion berichtete, dass er nahe Freiburg schon dutzendfach fast angefahren worden wäre: „Am Roßkopf kommen sie mit circa 40Kilometern pro Stunde den kleinen Pfad herab, springen über den breiten Weg und rasen einen kleinen Pfad weiter.“ Und weiter: „Sie könnten auch kaum rechtzeitig bremsen. Rufe werden mit ,Halts Maul‘, ,Weg da‘, ,Verpiss dich‘ und Ähnlichem beantwortet.“

Doch sind es tatsächlich wütende Spaziergänge wie dieser, die die lebensgefährlichen Fallen – in Spanien starb ein Radfahrer an einem gespannten Drahtseil – aufstellen? Ein Täter wurde in diesem Sommer noch nicht ermittelt, und die großen Verbände beschwichtigen: „Das Verhältnis zwischen Radfahrern und uns Mountainbikern ist viel entspannter als noch vor 10, 20 Jahren“, sagt etwa Heiko Mittelstedt, Projektleiter bei der Deutschen Initiative Mountain Bike (DIMB). Seine Einschätzung bestätigte 2014 eine Erhebung der Universität Freiburg. Probleme gebe es heute eher mit anderen Personen: „Richtige Widerstände kommen von den Waldbesitzern.“ Denen sind die Biker, die holprige, wilde und somit oft auch illegale Wege lieben, ein Dorn im Auge. Sie fürchten nicht nur Schäden für Tier und Umwelt, sondern auch, im Falle eines Unfalls haftbar gemacht zu werden – was gemäß der Wegehalterhaftung nur auf legalen Strecken der Fall ist.

Friedlicher Enzkreis

Dagegen dominieren zwischen Wanderern und Bikern von offizieller Seite freundliche, gar selbstkritische Worte: Wenn jemand absichtlich Äste in den Weg legt, sei dies zwar „ärgerlich“, sagt etwa Mittelstedt. „Aber man muss auch unabhängig von Fallen immer so fahren, dass wir auf Sicht halten können. Der Fahrstil, den man aus manchen Youtube-Videos kennt, passt nicht in den Wald.“ Ähnlich klingt Joachim Eckert. Der Mountainbike-Abteilungsleiter des Skiclubs Pforzheim sagt: „Wir fahren Kuschelkurs. Ich sitze seit 1992 auf dem Rädle und habe nie so etwas wie Nagelfallen erlebt.“ Und der scheinbare Kontrahent, Schwarzwaldvereinspräsident Georg Keller, verurteilte die Fallen und forderte seine Mitglieder zum Umdenken auf. Der Wald sei für alle da. Zuletzt mündete diese verbale Annäherung in der Kampagne „Gemeinsam Natur erleben“. Damit, erklärte Forstpräsident Meinrad Joos, „wollen wir gezielt den respektvollen und freundlichen Umgang aller Waldbesucher untereinander fördern“.

Heile Welt also? Nicht nur – es gibt auch einen Punkt, über den sich die Liebhaber von Wanderschuhen mit denen der Zweiräder nach wie vor streiten. Genauer gesagt ist es kein Punkt, sondern eine Distanz: zwei Meter. Schließlich war es der Schwarzwaldverein, der 1995 durchsetzte, dass Mountainbiker im baden-württembergischen Wald nur noch auf Wegen fahren dürfen, die mindestens zwei Meter breit sind. So streng ist kein anderes Bundesland. „Die Zwei-Meter-Regel ist eigentlich unnötig und wird ohnehin permanent missachtet“, sagt Mittelstedt. In den vergangenen Jahren habe es auf schmalen Waldwegen in ganz Deutschland keine Zusammenstöße gegeben. Der DIMB hat daher vor einem Jahr versucht, mit einer Petition das Landesgesetz zu kippe – ohne Erfolg (siehe Kasten). Dagegen sprach sich Schwarzwaldverein-Präsident Keller zuletzt erneut dafür aus, die Regel beizubehalten, um gefährliche Begegnungen zu verhindern.

Auch Abwärtsfahrer aus der Region bestätigen, dass es eher die Regel als die Ausnahme ist, die Zwei-Meter-Regel zu missachten. Teile ihrer beliebtesten Routen – sei es im Würm- oder Enztal, bei der Hohen Warte oder dem Büchenbronner Aussichtsturm – sind stellenweise schmaler als die zwei Meter. Dass dort trotzdem gefahren wird, könnte mit einem Bußgeld bestraft werden. Doch Kontrollen gibt es fast keine – auch, weil in der Region Konflikte bisher ausblieben. „Dort wo wir fahren, ist nur sehr wenig los. Daher gibt es hier auch nur ganz wenige Kontakte zwischen Mountainbikern und Fußgängern“, sagt Eckert. Und wenn man sich doch mal zu nahe kam, habe er die Wogen bisher noch immer mit einem Schwätzchen glätten können.

Er ist überzeugt, dass von mehr legalen Strecken alle profitieren könnten – und verweist auf das Beispiel Nagold. Auf der dortigen Eisbergsteige hatte sich ein wilder Parcours entwickelt. Daher sprachen im Frühjahr 2014 Biker, Förster, Stadtverwaltung und Vereine gemeinsam über mögliche Lösungen – und eröffneten an gleicher Stelle ein Jahr später eine offizielle Mountainbike-Strecke. Dem VfL Nagold brachte dies eine neue Abteilung, den Bikern eine geprüfte Strecke und Versicherungsschutz, der Kommune neue Touristen.

Und den Wanderern? Deren Durchschnittsalter lag bei der Freiburger Erhebung bei 50, das der Radfahrer bei 35 Jahren. Mountainbiker Heiko Mittelstedt hat da eine Idee: Langfristig könnten die Biker den Wanderern den Nachwuchs sichern, den es braucht, um die aufwändige Pflege der Waldwege zu gewährleisten.