nach oben
Bei deutschen Schweinebauern liegen die Nerven blank: Wegen niedriger Preise werfen immer mehr Tierhalter das Handtuch.
Bei deutschen Schweinebauern liegen die Nerven blank: Wegen niedriger Preise werfen immer mehr Tierhalter das Handtuch. © dpa
26.05.2016

Wenn die letzte Sau den Hof verlässt

Schwäbisch Hall/Ilshofen. Schweinehalter Michael Reber hat in den vergangenen Monaten viel gelitten, doch der schmerzlichste Augenblick liegt noch vor ihm: «Wenn das letzte Schwein den Hof verlässt - das wird ein emotionaler Moment», sagt der 44 Jahre alte Landwirt aus Schwäbisch Hall. Schon im August wird es soweit sein, dann muss Reber das Licht im Schweinestall für immer ausmachen. «Die Schmerzgrenze ist erreicht», sagt der Familienvater. Jahrelang hat er für das wirtschaftliche Überleben der Schweinehaltung auf seinem Traditionsbetrieb gekämpft, jetzt zieht er die Reißleine.

Reber ist in Deutschland kein Einzelfall. Die Schweinehalter im Land fürchten um ihre Existenz. Die niedrigen Preise treiben immer mehr Betriebe zur Aufgabe. «Ferkelerzeuger wie Schweinemäster schreiben seit längerem tiefrote Zahlen. Dieser Strukturwandel kommt einem Strukturbruch gleich», sagt der Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Joachim Rukwied. Seit 2010 haben nach DBV-Angaben 22 Prozent der Schweinehalter in Deutschland aufgegeben. In Baden-Württemberg waren es sogar rund 30 Prozent.

«Bei derzeitigen Preiserlösen von 1,40 Euro pro Kilogramm Schlachtgewicht legt jeder Schweinemäster drauf», sagt Rukwied, der zugleich auch Chef des Landesverbandes in Baden-Württemberg ist. In den zurückliegenden Monaten seien bei einem Preis von 1,25 Euro pro Kilogramm die Verluste sogar noch größer gewesen.

Derzeit gibt es nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums noch rund 2600 Schweinehalter im Südwesten - und die haben zu kämpfen, schildert Rukwied. Denn der Preiswettbewerb im Handel ist hart. Das Russland-Embargo hat zudem einen wichtigen Auslandsmarkt blockiert, gleichzeitig kommt aus Spanien günstiges Fleisch nach Deutschland. Und jetzt schwächelt auch noch der asiatische Markt. Zudem stieg die Schweineproduktion vor allem in den USA, in Spanien, Polen und den Niederlanden. Spanien hat Deutschland beim Schweinebestand überholt.

Ein Sprecher des Landwirtschaftsministeriums rechnet das Verlustgeschäft der Schweinehalter vor: Für ein Mastschwein mit einem Schlachtgewicht von 97 Kilogramm bekommt ein Landwirt derzeit gerade mal rund 138 Euro. Etwa 60 Euro koste ihn das Ferkel, nochmal so viel das Futter. Die Kosten für die eigene Arbeit, den Stall, Strom, Versicherungen, Reparaturen seien nicht gedeckt.

«Wir machen jeden Monat ein paar tausend Euro Minus», erklärt Reber. Etwa 1000 Schweine sind derzeit noch in seinem Stall, in Zukunft setzt die Familie ganz auf das zweite Standbein, die Biogasanlage. Um sich trotz der Krise über Wasser zu halten, müssten viele Landwirte investieren. «Und hier wird dann nicht nur Kapital im großen Stil verbrannt, sondern es werden vor allem die Menschen, die Familien verheizt - und psychisch zerstört», sagt Reber.

Ohne Rücklagen seien Betriebe «ruckzuck» pleite, sagt auch Ferkelzüchter Michael Breitkreuz aus Ilshofen (Kreis Schwäbisch Hall). Sein Hof liegt nur etwa 15 Autominuten von Rebers Betrieb entfernt. Die Probleme des 39 Jahre alten Landwirts sind fast noch gravierender: Als Ferkelzüchter ist Breitkreuz beim Preis nämlich der letzte in der Produktionskette.

«Von einem profitablen Geschäft sind wir weit entfernt», sagt der bald dreifache Familienvater. Breitkreuz hält 500 Sauen, die Ferkel gehen nach vier Wochen an einen anderen Betrieb für die Aufzucht. Für ein Ferkel bekommt er derzeit nach eigenen Angaben 47 Euro, kostendeckend seien 55 Euro. Selbst die einstige «Ferkelhochburg» Hohenlohe wankt, von acht Höfen mit Schweinen ist nur noch Breitkreuz im Ort übrig.

Seit 2011 sind im Südwesten rund ein Drittel der Betriebe aus der Zuchtsauen-Haltung ausgestiegen. Doch Breitkreuz ist mit Leib und Seele Tierhalter, er möchte auch für künftige Generationen diesen Betriebszweig weiterführen.

Branchenkollege Reber wiederum hat sich den Entschluss, die Schweinehaltung aufzugeben, nicht leicht gemacht. «Das belastet uns auch als Familie», sagt er. Schon die Eltern hatten sich mit der Züchtung von Schweinen einen Namen in der Region gemacht. «Das tut weh, weil es vor allem ihr Leben war», sagt Reber. Er selbst trug fast zwanzig Jahre in dem Betrieb Verantwortung. In einem Blog im Internet informiert Reber die Menschen über die schwierige Situation. «Wie es uns im August gehen wird, wenn die Ställe leer sind, weiß ich nicht», schreibt er. «Aber Schluss jetzt mit lamentieren. Es muss weitergehen.»