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© dpa
20.12.2010

Wer spielt welche Rolle im Kachelmann-Prozess?

MANNHEIM. An 20 Tagen wurde vor dem Landgericht Mannheim gegen Jörg Kachelmann verhandelt. Diese Woche stehen noch zwei Termine an - dann ist Pause. Am 19. Januar soll es weitergehen. Was ist bisher geschehen? Wer spielte welche Rolle in Saal 1 des Mannheimer Landgerichts und davor? Ein Überblick.

«Simone W.»: Ihr Anruf bei der Polizei setzte die Ermittlungsmaschine in Gang: Die ehemalige Geliebte Kachelmanns, die meist Simone genannt wird. Am dritten Verhandlungstag wurde die Aufzeichnung des Notrufs vorgespielt: «Ich bin heute Nacht vergewaltigt worden und weiß nicht, was ich jetzt machen soll», sagt sie. Der Polizeibeamte, der den Notruf entgegennimmt, fragt: «Von wem?» Simone zögert. Dann sagt sie, vorsichtig: «Von meinem Freund.»
Da Kachelmann schweigt - was als Angeklagter sein gutes Recht ist - dreht sich der Prozess um die Aussage der 37-jährigen Radiomoderatorin. Vier Verhandlungstage lang wird sie vor Gericht vernommen, insgesamt mehr als 20 Stunden. Die Öffentlichkeit ist dabei ausgeschlossen. Über das, was im Gerichtssaal passierte, gibt es unterschiedliche Angaben. Kachelmanns damalige Verteidiger zeigen sich zufrieden. Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge nennt das «Wunschdenken».
Soweit es geht, wird Simone von den Medien abgeschirmt - doch statt, wie die meisten Zeuginnen, im Fond eines Wagens mit verdunkelten Scheiben zu Gericht zu kommen, setzt sie sich auf den Beifahrersitz neben ihren Anwalt Thomas Franz, versucht dann aber, ihr Gesicht zu verbergen. Es entstehen typische «Verbrecherfotos». Am dritten Tag ihrer Vernehmung hält sie sich ein Buch vor den Kopf - als wollte sie der Welt den Titel zeigen. Er lautet: «Der Soziopath von nebenan».

Thomas Franz: Der Anwalt von Simone W. Er hält nicht viel von Medienarbeit, sagt er. Er hält es auch nicht für nötig, seine Mandantin vor «Verbrecherfotos» zu schützen. Der Prozess werde nicht per Abstimmung entschieden, sagt er nur. Dass seine Mandantin mit den Bildern leben muss, scheint er nicht als Problem zu erkennen. Auch im Gerichtssaal ist Franz äußerst zurückhaltend. Es ist nicht aufgefallen, dass er bei den öffentlichen Vernehmungen auch nur eine Frage gestellt hätte. Kachelmanns neuer Verteidiger Johann Schwenn, der sich mit so gut wie jedem im Saal anlegt, nimmt Franz bei seinen Tiraden ausdrücklich aus. Das sollte ihn nachdenklich machen.

Ralf Höcker: Kachelmanns Medienanwalt. Hält viel von Medienarbeit.

Lars-Torben Oltrogge: Der junge Staatsanwalt vertritt die Anklage - meist zusammen mit seinem Vorgesetzten Oskar Gattner, der ihm aber die Verhandlungsführung weitgehend überlässt. In kleineren Runden wirkt Oltrogge durchaus ruhig und reflektiert; im Gerichtssaal allerdings klingt er mitunter etwas schrill. Vor allem Verteidiger Schwenn gelingt es regelmäßig, Oltrogge zu provozieren. Am 20. Verhandlungstag wird es dann dem beisitzenden Richter Joachim Bock zu viel. Er schreit den Staatsanwalt geradezu an: «Jetzt sind Sie mal still, Herr Oltrogge!»

Alice Schwarzer: Berichtet für die Bild-Zeitung über den Prozess. Aus Frauenperspektive. Dafür muss sie nicht ständig im Gericht sein - aber wenn sie da ist, dann wird sie auch wahrgenommen. Versteht etwas von Medienarbeit. Zeitweise, so schien es, wurde mehr über das angebliche Duell zwischen ihr und Gisela Friedrichsen geschrieben als über das Gerichtsverfahren.

Gisela Friedrichsen: Berichtet für den «Spiegel» über den Prozess. Auch aus Frauenperspektive, aber anders.

Reinhard Birkenstock: Kachelmanns erster Verteidiger. Wurde in Medien, aber auch von Berufskollegen kritisiert, weil er Kachelmann nicht schnell genug aus dem Knast bekommen habe. Bestellte eine Armada von Gutachtern, und machte seine Frau zur psychologischen Betreuerin Kachelmanns.

Michael Seidling: Der Vorsitzende Richter der 5. Großen Strafkammer. Machte nicht immer den souveränsten Eindruck - etwa, als er sich zunächst kategorisch weigerte, Simone W. über ein Zeugnisverweigerungsrecht zu belehren und es dann unter Eindruck eines Befangenheitsantrags doch tat. Und das war noch zu Zeiten Birkenstocks.

Johann Schwenn: Der Hamburger Staranwalt löste Birkenstock überraschend als Verteidiger ab - und legte sich gleich mit allen anderen Beteiligten an. Selbst der Verteidigung nahestehende Beobachter staunen: «Der schießt auf alles, was sich bewegt.» (Ausnahme: Simone W.s Anwalt Thomas Franz. Vielleicht bewegt der sich nicht.)
Meist hanseatisch-ruhig im Ton, teilt Schwenn nach allen Seiten aus: Die Staatsanwälte bezeichnet er als «verdächtiger als Herr Kachelmann». Dem Gericht wirft er vor, es würde das Beweisprogramm der Staatsanwaltschaft «minutiös nachbeten», die berichterstattende Richterin Daniela Bültmann geht er an, weil sie «geradezu schmerzverzerrt dreinblickt», und Pflichtverteidigerin Andrea Combé attestiert er, sie sei von seinem Vorgänger Birkenstock «faktisch entmündigt» worden. Schwenn versucht, wo immer es geht, die - zuvor meist ausgeschlossene - Öffentlichkeit wieder in das Verfahren zu holen.
Gleichzeitig macht er die öffentliche Berichterstattung zum Thema des Verfahrens: Er wirft den im Burda-Verlag erscheinenden Zeitschriften «Bunte» und «Focus» vor, sie würden Zeuginnen in ihren Aussagen beeinflussen und eine Kampagne gegen Kachelmann fahren. Vor Gericht beantragt er, die Redaktionsräume durchsuchen zu lassen. Die Strafkammer reagiert auf diese Art der Vorwärtsverteidigung eher hilflos. «Ich möchte mir nicht die Prozessführung aus der Hand nehmen lassen», protestiert der Vorsitzende Richter Seidling am 19. Verhandlungstag.

Jörg Kachelmann: Er sieht wieder ein bisschen erholter aus, doch um seine Mundwinkel haben sich Falten eingegraben. Manchmal scherzt er ein wenig mit den Justizbeamten, doch vor Gericht schweigt er. Nach monatelanger Untersuchungshaft ist er auf freiem Fuß.