nach oben
Das weltweit einzige Kraftwerk, das aus Inkontinenzabfällen und Babywindeln Energie erzeugt steht in Meckenbeuren am Bodensee.
Windelkraftwerk © dpa
01.06.2011

Windelkraftwerk schreibt schwarze Zahlen

MECKENBEUREN. Es ist der weltweit einzige seiner Art und er schreibt mittlerweile schwarze Zahlen. Im November 2006 nahm die Stiftung Liebenau in Meckenbeuren (Bodenseekreis) ihren «Windel-Willi» in Betrieb. Das ist ein Kraftwerk, das Inkontinenzabfälle und Babywindeln verbrennt und dadurch Energie erzeugt.

Und das nicht wenig: «Die Feuerleistung beträgt 1240 Kilowatt», sagt Marco Nauerz, Bauingenieur, Leiter der Bauabteilung bei der Stiftung Liebenau und geistiger Vater des «Windel-Willi». Das genügt für eine Wäscherei, die täglich acht Tonnen Wäsche verarbeitet, eine Großküche, die bis zu 3000 Essen täglich kocht und Gewächshäuser mit einer Nutzfläche von 96 000 Quadratmeter. «Die Energie wird also zu 100 Prozent genutzt.»

Das Interesse an dem einzigartigen Kraftwerk sei sehr groß gewesen in den vergangenen Jahren. Aus USA, Italien, Spanien und aus Deutschland seien Gruppen in die Bodenseeregion gereist, um die Anlage zu besichtigen. «Nachgebaut hat es aber bislang keiner», erklärt Nauerz. Das System des «Windel-Willi» ist patentiert.

«Warum es keiner nachgebaut hat? Vielleicht liegt es daran, dass ich die Leute immer über die Risiken eines solchen Projekts aufgeklärt habe.» Die Risiken liegen im Betrieb, es müsste ein Notdienst eingerichtet werden, der 24 Stunden zur Verfügung steht. Manche Ersatzteile könnte man nicht innerhalb von 24 Stunden beschaffen, also müssten die eingelagert werden. Darüber hinaus sei der Bau einer solchen Anlage eine individuelle Aufgabe, Lösungen von der Stange würde es nicht geben. Und letztendlich sei ein Genehmigungsverfahren wie bei einer Müllverbrennungsanlage notwendig.

Das Windelkraftwerk kann bis zu 4200 Tonnen Windeln pro Jahr verbrennen. «Im Moment stehen wir bei 3800», erklärt Nauerz. Er ist zuversichtlich, noch in diesem Jahr die Vollauslastung zu erreichen. 1000 Tonnen Windelabfälle bekommt er aus den Alten- und Pflegeheimen der Stiftung Liebenau selbst. Der Rest wird aus anderen Einrichtungen, Krankenhäusern und Gemeinden (Horgenzell, Wolpertswende, Vogt, Aitrach, Grünkraut, Ravensburg, Wangen, Bad Wurzach) im Umkreis zugeliefert.

128 Euro pro Tonne nimmt die Stiftung dadurch ein - rechnet man die Einnahmen aus dem Verkauf von Energie dazu, kommen pro Jahr 1,2 Millionen Euro an Erlösen zusammen. In den «Windel-Willi» wurden rund 3,5 Millionen Euro investiert. «Es hat sich also gelohnt», zieht Nauerz nach fast fünf Jahren Bilanz. Nicht eingerechnet sind die Kosten für Öl, das die Stiftung ja kaufen müsste, wenn es das Kraftwerk nicht gäbe: 800 000 Liter pro Jahr.

Der «Windel-Willi» ersetzt fossilen Brennstoff. Und er erzeugt die Energie dort, wo sie benötigt wird. Dezentrale Energieversorgung sei ja derzeit in aller Munde, sagt Nauerz. Das Windelkraftwerk verbrenne die Windeln bei bis zu 1000 Grad. Dadurch entstehe Rauchgas, das in mehreren Schritten als Dampf aus heißem Wasser genutzt werde. Die Abgase würden mehrfach gereinigt, zurück bleibe Asche, die entsorgt werden müsse. «Das System ist eigentlich einfach», erläutert Nauerz.

Dennoch hat er im Lauf der vergangenen fünf Jahre die Anlage zusammen mit Michael Staiber, Elektroingenieur bei der Stiftung Liebenau, immer weiter verbessert. «Eine Million Euro haben wir nachinvestiert», sagt Nauerz. Schwarze Zahlen schreibe man seit dem vergangenen Jahr, als immer mehr Windel-Lieferanten dazu kamen. dpa

Leserkommentare (0)