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14.10.2010

Winnender Amoklauf-Prozess mit Videofilm fortgesetzt

STUTTGART. Im Stuttgarter Prozess gegen den Vater des Amokläufers von Winnenden hat das Landgericht am Donnerstag einen Videofilm der Polizei von der Durchsuchung des Elternhauses des Täters gezeigt. Er wurde am Tag der Bluttat aufgezeichnet, als ein Spezialeinsatzkommando der Polizei zusammen mit dem Vater im Haus nach Waffen suchte, die aus dessen Bestand fehlen könnten.

Zu sehen ist, wie der Vater auf die Frage der Beamten nach einer Pistole sagt: „Tagsüber ist die eingesperrt im Schlafzimmer.“ Kurz darauf sagt der Vater im Schlafzimmer nach einem Griff in den Kleiderschrank: „Die ist weg.“

Auch die in einem Schränkchen neben dem Bett aufbewahrte Munition fehlt, wie der Vater im Film feststellt. Auf dem Weg zum Waffentresor im Keller wird der Vater gefragt, ob es eine schwarze oder eine verchromte Waffe handelt, und die Antwort lautet: „Verchromt.“ Dann öffnet der Vater den durch eine Zahlenkombination gesicherten Tresor, in dem mehrere Gewehre und zwei Revolver zu sehen sind. Im Tresor ist nach seinen Worten alles noch vorhanden.

Der 17-jährige Tim K. hatte am 11. März 2009 an seiner früheren Schule in Winnenden und auf der anschließenden Flucht nach Wendlingen 15 Menschen und sich selbst erschossen. Der 51 Jahre alte Vater steht vor Gericht, weil er eine seiner Pistolen unverschlossen aufbewahrt hatte, mit der sein Sohn die Tat beging. Die Anklage lautet auf Verstoß gegen das Waffengesetz. Das Gericht hatte allerdings zu Beginn des Prozesses auch eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung als möglich erklärt.

An die Vorführung des gut zwei Minuten langen Videofilm schloss sich die Vernehmung mehrerer Polizeibeamter an. So wurde auch ein leitender Kriminalbeamter aus Waiblingen gehört, der den Vater von Tim K. zu einem Zeitpunkt vernommen hatte, als dessen Sohn noch auf der Flucht war. Der Beamte unterstrich, er habe damals den Vater nicht als Beschuldigten sondern als Zeugen angesehen und ihn entsprechend über seine Rechte aufgeklärt. Der Vater habe während der Vernehmung zwar bestürzt über die Bluttat aber auch gefasst gewirkt.

Während der Vernehmung habe er die Information bekommen, dass Tim K. ums Leben gekommen sei. Dies habe er dessen Vater mitgeteilt. Der habe daraufhin gesagt: „Das war vielleicht am besten so.“

Die Verteidigung äußerte Zweifel am Wahrheitsgehalt einzelner Aussagen des Polizeibeamten. Vor allem äußerten die Anwälte des Vaters die Vermutung, der Beamte habe sich mit der Staatsanwaltschaft über die Vernehmung abgestimmt. Dies bestritt der Beamte. Die Verteidigung hatte schon mehrfach deutlich gemacht, dass sie die Aussagen ihres Mandanten bei frühen Zeugenvernehmungen für nicht verwertbar in dem Prozess hält, da er später zum Beschuldigten wurde.

Nach mehreren bohrenden Fragen der Anwälte an den Beamten verließen mehrere Angehörige der Opfer des Amoklaufs, die im Prozess als Nebenkläger auftreten, den Gerichtssaal.

Zuvor hatte eine Polizeibeamtin von ihren Ermittlungsergebnissen hinsichtlich der schulischen Laufbahn und der Entwicklung von Tim K. berichtet. Demnach war er zwar wegen schwacher Leistungen versetzungsgefährdet, aber sonst nicht auffällig geworden. Tim K.'s Schwester habe allerdings einige Monate vor dem Amoklauf einem Freund in Computer-Chats zweimal geschrieben, dass ihr Bruder manisch-depressiv sei. Dies sehe auch der Vater so und er gehe davon aus, dass Tim K. in die Psychiatrie müsse.

Der Prozess wird am 19. Oktober fortgesetzt.