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19.02.2015

Zahl der Armen in Baden-Württemberg wächst

Etwa jeder neunte Einwohner in Baden-Württemberg ist von Armut bedroht. Dennoch waren die Menschen im Jahr 2013 mit Ausnahme von Bayern (Quote: 11,3 Prozent) nirgendwo in Deutschland so wenig davon betroffen wie im Südwesten (11,4; 2012: 11,1).

Den niedrigsten Anteil bundesweit gab es in der Region Bodensee-Oberschwaben mit 7,8 Prozent - Bremerhaven hatte mit 32,6 Prozent die höchste Quote, wie aus einer am Donnerstag vorgestellten Studie des Paritätischen Gesamtverbands hervorgeht. Nötig seien unter anderem eine deutliche Erhöhung der Hartz-IV-Regelsätze und ein massiver Ausbau öffentlicher Beschäftigung, sagte Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider in Berlin.

Als arm sieht der Verband Menschen in Haushalten mit weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens an. Die sogenannte Armutsgefährdungsschwelle lag 2013 laut den Autoren der Studie für einen Singlehaushalt bei 892 Euro im Monat. Für Familien - zwei Erwachsene, zwei Kinder unter 14 Jahren - wurden 1873 Euro errechnet. «Noch nie war die Armut so hoch, und noch nie war die regionale Zerrissenheit so tief wie heute», sagte Schneider. Er beziehe sich dabei auf die vergangenen gut 20 Jahre.

Bundesweit wächst die Kluft zwischen Arm und Reich seit Jahren - 15,5 Prozent (plus 0,5 Punkte) der Menschen gelten als arm. Das entspricht etwa 12,5 Millionen Bundesbürgern, ein Rekord laut Studie. Betroffen seien vor allem Arbeitslose, Alleinerziehende und Kinder. «Wenn die ganz überwiegende Mehrheit aller Erwerbslosen, nämlich 59 Prozent, und wenn über 40 Prozent aller Alleinerziehenden in Armut leben müssen, dann stimmt etwas nicht mehr mit unserem Sozialstaat», heißt es in dem Bericht «Die zerklüftete Republik». Menschen mit niedrigem Bildungs- oder ohne Berufsabschluss gelten als besonders gefährdet.

Regional ist Deutschland zerrissen. Auch im Südwesten gibt es große Unterschiede. Während das Armutsrisiko 2013 in der Region Bodensee-Oberschwaben am niedrigsten war (Vorjahr: 8,8), gibt die Studie für den Südlichen Oberrhein zwischen Freiburg und Offenburg ein Risiko von 12,4 Prozent an (11,9). Vergleicht man den Bezug von Leistungen wie Hartz IV oder Sozialgeld zeigt sich, dass die Menschen im Alb-Donau-Kreis am wenigstens solche Unterstützung bekommen (2,5), in Mannheim (11,9) und Pforzheim (11,8) dagegen am häufigsten.

«Die Armut in Deutschland ist das Resultat politischer Unterlassungen», sagte Hermann Frank vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Baden-Württemberg. «Der zunehmende Reichtum in unserem Land geht mit einer immer größeren Ungleichheit und einer steigenden Armut einher.» Das Stuttgarter Sozialministerium will vor den Sommerferien den ersten Armuts- und Reichtumsbericht für Baden-Württemberg vorlegen.

Der Gießener Politikwissenschaftler und Armutsforscher Ernst-Ulrich Huster sagte der Deutschen Presse-Agentur, im Kampf gegen Armut müssten etwa fällige Steuern auch tatsächlich effektiv eingetrieben werden. Dann könne das Vermögen etwas gerechter verteilt werden. «Deutschland ist ein reiches Land - im Schnitt werden hier über 30 000 Euro pro Jahr und Einwohner erwirtschaftet», sagte Huster. «Doch 8 Prozent der Bevölkerung sind völlig abgehängt, und zwischen 16 und 20 Prozent leben unterhalb der Armutsgrenze.» Gleichzeitig würden die Reichen laut den offiziellen Statistiken immer reicher. «Die obersten zehn Prozent verfügen über rund 53 Prozent des Vermögen.»

Huster weiter: «Über 42 Millionen Menschen in Deutschland sind zwar beschäftigt - ein Rekord.» Doch es gebe verbreitet Armut trotz Arbeit. Rund die Hälfte der Neubeschäftigten habe zudem zeitlich befristete Arbeitsverträge.

Der Paritätische ist einer der sechs Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege. Er ist Dachverband von mehr als 10 000 Organisationen und Gruppierungen im Sozial- und Gesundheitsbereich.

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