nach oben
Keine Atempause für nationalsozialistische Mörder und ihre Mordgesellen: Kurt Schrimm, Leiter der Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen, sucht weiterhin gezielt und systematisch nach weiteren NS-Verbrechern.
Keine Atempause für nationalsozialistische Mörder und ihre Mordgesellen: Kurt Schrimm, Leiter der Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen, sucht weiterhin gezielt und systematisch nach weiteren NS-Verbrechern. © dpa
19.12.2011

Zentralstelle jagt weiter NS-Verbrecher

Ludwigsburg. Die Ludwigsburger Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen sucht gezielt und systematisch nach weiteren NS-Verbrechern nach dem Muster des verurteilten Iwan «John» Demjanjuk. «Es gab ähnlich gelagerte Fälle von Beihilfe in Vernichtungslagern und von Einsatzgruppen, wir müssen sie nur finden», sagte der Leiter der weltweit größten NS-Fahndungsstelle, Kurt Schrimm, in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Um Tätern auf die Spur zu kommen, würden systematisch Gerichts- und Ermittlungsverfahren der vergangenen Jahrzehnte ausgewertet.

Aufgeteilt nach reinen Vernichtungslagern wie Majdanek, Sobibor oder Treblinka sei sein Team gerade dabei, Einheiten- und Ortskarteien zu sichten, sagte Schrimm. «Wir nehmen uns bereits behandelte Fälle vor, um festzustellen, ob Verfahren eingestellt wurden mit der Begründung, dem Beschuldigten könne eine individuelle Schuld nicht nachgewiesen werden.» Auch solche Fälle seien interessant, in denen die Verfahren mit der Begründung eingestellt wurden, die deutsche Gerichtsbarkeit sei nicht zuständig.

Im Fall von Demjanjuk wurde erstmals in Deutschland ein Nazi-Verbrecher allein wegen seiner Tätigkeit als Aufseher in einem Vernichtungslager verurteilt und zwar wegen Beihilfe zum Mord an mindestens 28 000 Juden im Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen. Der 91-Jährige gebürtige Ukrainer erhielt vom Landgericht München fünf Jahre Haft. Er lebt momentan in Bayern. Verteidigung und Staatsanwaltschaft legten Revision ein. «Aller Erfahrung nach wird der Bundesgerichtshof wohl noch in der ersten Jahreshälfte 2012 entscheiden», sagte Schrimm.

Der Oberstaatsanwalt machte deutlich, dass man in Deutschland bei der Verfolgung von Nazi-Verbrechern über Jahrzehnte davon ausgegangen sei, dass die deutsche Gerichtsbarkeit nicht zuständig sei, wenn der Täter nicht Deutscher war und die Tat nicht im Inland begangen wurde. Mit dem Ende der Sichtung des Materials aus den Vernichtungslagern rechnet Schrimm bis Mitte 2012.

An der «Baustelle» Serbien habe die Suche nach einschlägigen Akten ergeben, dass eine Einsichtnahme in das Material des Militärarchivs in Belgrad grundsätzlich möglich sei. «Wir werden jetzt offizielle Anträge auf Akteneinsicht stellen.» Die serbische Regierung erhoffe sich dafür eine finanzielle Zuwendung, da das Interesse groß sei, das Militärarchiv zu erschließen.

Die dafür benötigten Unterstützungsgelder seien bisher aus Norwegen geflossen. «Die Serben sind in Vorleistung getreten mit einer Namensliste von Personen, die im damaligen Jugoslawien angeklagt oder verurteilt wurden», erklärte Schrimm. Es handle sich um insgesamt 3600 Fälle. 600 der Angeklagten oder Verurteilten stammten aus Deutschland. dpa