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14.07.2016

Zunahme an Nilgänsen stellt Baden-Württemberg vor Probleme

Karlsruhe. Nilgänse werden in Baden-Württemberg nach Expertenmeinung zum ernsten Problem. Diese aggressive Gans vermehre sich stark und bedrohe einheimische Arten und Lebensräume, berichtet die Stelle für Wildtierforschung in Baden-Württemberg. Allein zwischen 2006 und 2015 stieg die Zahl der Jagdreviere, in den die Tiere gesichtet wurden, von 29 auf 228; die der Gemeinden von 24 auf 149. «Vor allem die Rheinschiene ist betroffen», sagte Joachim Thierer, Leiter des Veterinäramtes im Landkreis Karlsruhe. «Es gibt eine klare Tendenz, dass die Population rasant wächst.»

Auch Vogelschützer beobachten die Zunahme, raten aber zur Gelassenheit. Der Naturschutzbund Nabu schätzt die Zahl der Nilgänse auf derzeit etwa 100 bis 150 Nilgans-Brutpaare im Südwesten. Da aber nur ein kleiner Teil des Gänsebestands brütet, dürfte die Zahl aller Nilgänse höher sein. Schätzungen hierzu gibt es nicht.

Das sei «ein relativ aggressiver Vogel», sagt Nabu-Sprecher Hannes Huber. Eine gezielte Bekämpfung sei jedoch nicht nötig, da wären «Kollateralschäden» zu hoch. Soll heißen: Durch die Schüsse könnten versehentlich andere Vögel getroffen oder durch Lärm gestört werden.

Andere Gänsearten - die einheimische Graugans und die eingewanderte Kanadagans - bereiteten ebenfalls Kopfzerbrechen. Denn sie fressen die keimende Saat von Ackerflächen und verursachen Schäden in der Landwirtschaft. Nach Angaben von Vogelkundler Hans-Günther Bauer vom Max-Planck-Institut für Ornithologie leben in Baden-Württemberg inzwischen 150 bis 210 Kanadaganspaare und 400 bis 600 Grauganspaare.

Klagen etwa von Parkbesuchern oder Badegästen über Kot auf Liegewiesen hält Bauer aber für übertrieben und «in höchstem Maße subjektiv». Wer Naturschutz wolle, müsse eben auch mit solchen Phänomenen leben. Es gebe keinen Grund, sich vor Verdrängung einheimischer Vogelarten durch die Gänse zu fürchten. «Bestände anderer Vogelarten nehmen vielmehr deshalb ab, weil der Mensch drastisch in die Natur und die Lebensräume eingreift», sagt Bauer. Die Stuttgarter Ornithologin Friederike Woog sieht Nilgänse ebenfalls nicht als Problem. «Sie haben sich zwar deutlich vermehrt, aber ihr Bestand ist noch vergleichsweise niedrig.»

Aus den Kommunen und Regierungsbezirken kommen unterschiedliche Reaktionen auf das Thema Nilgans. Während der Regierungsbezirk Tübingen nur mitteilt, diese Gänse kämen «an verschiedenen Gewässern» vor, sagt eine Sprecherin der Stadt Mannheim, die in ihrer Stadt befindlichen Nilgänse hätten «durch ihre Hinterlassenschaften immer wieder Badeseen verunreinigt». Am Vogelstangsee sei schon mehrfach der Sand ausgetauscht worden. «Zudem wurden Schilder angebracht, die auf das Fütterungsverbot hinweisen.» In der Stadt Stuttgart gibt es Nilgänse etwa im Schlossgarten.

In Heidelberg nerven Kanadagänse und Schwanengänse sehr - «zahlenmäßig am gravierendsten sind aber tatsächlich die Nilgänse», sagt eine Sprecherin. Das größte Problem sei Gänsekot auf Wiesen, etwa am unteren Neckar. Mit einer Spezialmaschine werde er abgesaugt - eine Arbeit, die drei Tage dauert.

Gänse sind in Baden-Württemberg im Zuge des neuen Jagdgesetzes seit vergangenem April nicht mehr ganzjährig geschützt, sondern dürfen außerhalb der Schonzeiten gejagt werden. Vor dem neuen Jagdgesetz bedurfte es dafür aufwendiger Sondergenehmigungen.

Gänsejagd sei allerdings nicht so einfach und sehr zeitintensiv: «Die Tiere sind sehr wachsam und reagieren auf Annäherung sehr empfindlich», sagt Experte Thierer. In Parks oder siedlungsnahen Gebieten dürfe ohnehin nicht geschossen werden. Ob die Jagd überhaupt was bringt, ist zudem umstritten: «Wenn Tiere getötet werden, wird ein Revier frei und andere Tiere rücken dann nach», sagt Ornithologin Woog. «Es ist aus unserer Sicht nicht so, dass die Zunahme der Nilgänse zu einer Ausweitung des Jagdgesetzes führen soll», sagt eine Sprecherin des Agrarministeriums.

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