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Ausschreitungen beim EM-Spiel Polen gegen Russland © dpa
Gewalt und Hassparolen: Ausschreitungen beim EM-Spiel Polen gegen Russland © dpa
Ausschreitungen beim EM-Spiel Polen gegen Russland © dpa
13.06.2012

Ausschreitungen beim EM-Spiel Polen gegen Russland

Warschau (dpa) – Straßenschlachten, rechtsradikale Parolen und fast 200 Festnahmen - der EM-Albtraum ist wahr geworden. Die Gewaltexzesse rund um das brisante Hochsicherheitsspiel zwischen Gastgeber Polen und Russland (1:1) haben einen dunklen Schatten auf das europäische Fußball-Fest geworfen.

Bei den gewalttätigen Ausschreitungen am Dienstagabend in der Warschauer Innenstadt und in der Nähe des Nationalstadions wurden 20 Personen verletzt, darunter zehn Polizisten. Selbst die mehr als 6000 Einsatzkräfte konnten die polnisch-russische Konfrontation nicht verhindern. Bis zum frühen Mittwochmorgen wurden 184 Hooligans festgenommen.

 

«Das war der schwierigste Tag der EM», erklärte Polens Innenminister Jacek Cichocki und versprach die ersten Urteile gegen Gewalttäter bereits für Freitag. Außenminister Radoslaw Sikorski suchte am Mittwoch Staatspräsident Bronislaw Komorowski auf, um die Lage nach den Zusammenstößen zu erörtern. Regierungssprecher Pawel Gras erklärte im polnischen Rundfunksender RFM, weitere Festnahmen seien wahrscheinlich. «Die Gewalttäter sollen nicht glauben, dass sie ruhig schlafen können.»

 

Die Mehrheit der Festgenommenen, etwa 150 Gewalttäter, waren Polen, die teils vermummt, mit Feuerwerkskörpern, Steinen und anderen Wurfgeschossen Jagd auf russische Fans machten. Viele von ihnen waren für brutale Schlägereien vorbereitet und trugen bei der Festnahme beispielsweise einen Mundschutz für ihre Zähne, sagte der Warschauer Polizeisprecher Maciej Karczynski.

«Ich schäme mich für diese Leute», kommentierte Sportministerin Joanna Mucha die Vorfälle, «das sind gewöhnlich Hooligans. Sie sollen uns nicht dieses Fest verderben.» Schon Stunden vor dem Spiel hatten mehrere Dutzend Polen im Zentrum Warschaus mit rechtem Liedgut auf sich aufmerksam gemacht.

«In der Hauptstadt wurde das Sportfest zusammengeschlagen», titelte das polnische Boulevardblatt «Fakt» am Mittwoch. Die russische Zeitung «Sowjetski Sport» schrieb vom «Krieg auf der Straße und Frieden auf dem Feld.» Tatsächlich wurde die sportlich ansprechende Partie zwischen den Erzrivalen von den befürchteten Krawallen überlagert. Allein schon der Termin der Partie war sensibel. Die Russen feierten rund um das Spiel ihren Unabhängigkeitstag.

Mehrere tausend russische Fans marschierten in einem geschlossenen Block am Dienstagnachmittag Richtung Stadion. Kleine Hooligangruppen lauerten an der Wegstrecke den Russen auf, beschimpften sie und versuchten, durch das massive Polizeiaufgebot zu brechen. Auch Gruppen russischer Hooligans gelangten durch die Polizeiabsperrungen, um sich mit polnischen Gewalttätern zu prügeln. Die Polizei musste Wasserwerfer einsetzen.

Das Verhältnis beider Staaten ist historisch belastet. Bis heute halten sich Verschwörungstheorien über den Absturz der polnischen Präsidentenmaschine über dem russischen Smolensk am 10. April 2010. Etwa fünf Prozent der Polen sind von einem russischen Mordkomplott gegen Präsident Lech Kaczynski überzeugt.

 

Die Erschießung von rund 22 000 Polen im April 1940 in der westrussischen Region Katyn und weiteren Orten erschwert das bilaterale Verhältnis bereits seit Jahrzehnten. Angehörige der Ermordeten bemühen sich vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte um eine posthume Rehabilitierung. Moskau hatte sich erst 1990 zu der Verantwortung bekannt und wollte die EM eigentlich zu einer weiteren Entspannung in den Beziehungen nutzen.