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Frauenfußball erfreut sich trotz hartnäckigen letzten Chauvibastionen immer größerer Beliebtheit. Das Auftaktspiel der WM hatte eine Rekordeinschaltquote von 58 Prozent. Foto: dpa
chauvi © dpa
30.06.2011

Frauenfußball als letzte Bastion für den Chauvi

Nicht nur, dass Frauen wählen gehen dürfen und im Kanzleramt sitzen. Sie spielen jetzt auch noch Fußball, und zwar ziemlich gut. Das hat einen merkwürdigen Effekt. Selbst moderne Männer, die gerne ihre Kinder wickeln und mit leuchtenden Augen in die Elternzeit gehen, können sich zur Fußball-WM in Chauvis verwandeln. Frauenfußball ist eine der letzten Bastionen für den gepflegten Herrenwitz. Im Büro oder in der U-Bahn hilft: Ohren auf Durchzug.

Was könnte dahinterstecken? Vielleicht der Gedanke an einen Trikot-Tausch oder der ungewohnt prominente Sendeplatz, den Frauenfußball auf einmal im Fernsehen hat. Das Spiel sieht anders aus als bei den Männern. Außerdem ist Frauenfußball eine der wenigen Sportarten, bei der sich hartnäckig der Geschlechtervergleich hält. «Wie Kreisklasse bei den Männern» ist da noch eine nette Variante.

Das alles erinnert an das Stammtisch-Brodeln, das Carmen Thomas als erste Moderatorin einer deutschen Sportsendung auslöste, nur weil sie sich mit «Schalke 05» verhaspelte. Das war 1973. Im Internet kann man sich passend zur Debatte einen Schwarz-Weiß-Clip ansehen, in dem Wim Thoelke als «Sportstudio»-Moderator Frauen beim Kicken kommentiert: «Nicht Tisch decken! Mann decken...»

Dass Frauenfußball gut 40 Jahre nach diesen Anfängen immer noch als Vorlage für Macho-Sprüche dient, stimmt nachdenklich. Frauen neigen eindeutig zu weniger Häme: Wer würde sich über einen heulenden Michael Ballack auf dem Rasen lustig machen?

Es scheint, als müsse Fußball als letzte Männersache verteidigt werden. Ex-Nationalspieler Mario Basler gehört zur Fundi-Fraktion, die zur WM die Chauvi-Ecke bezogen hat. «Ich bin ehrlich: Fußball ist nichts für Frauen. Wenn Mädels auf dem Rasen rumtoben wollen, sollen sie ein Netz aufstellen und Tennis spielen», schrieb Basler in der «Bild». So wie in Wimbledon, das sei «sexy». Er gab den Frauen mit auf den Weg: «Lasst verdammt noch mal den Rasen in unseren Stadien heil...»

Fairerweise muss man sagen, dass es auch männliche Fans gibt, neuerdings mit der T-Shirt-Aufschrift «Frauenfußballversteher». In diese Kategorie fällt Literaturnobelpreisträger Günter Grass, der sagt: «Ich sehe seit Jahren mit wachsender Begeisterung die Spiele der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft.» Und auch Männern können die Herrenwitze auf die Nerven gehen. «Bei wie vielen scheinbar vernünftigen Leuten die dünne Lackschicht überm Chauvinismus abplatzt, wenn's um Frauenfußball geht», ärgerte sich Blogger Sascha Lobo.

Zeitungskolumnistin Franziska van Almsick fand nach der WM-Eröffnung, dass nun auch der letzte Kritiker aufhören dürfe, über Sinn oder Unsinn des Frauenfußballs zu reden. «Unqualifizierte Äußerungen und Macho-Sprüche haben ab sofort Sommerpause.» Schön wär's. dpa