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Deutschland hat das Viertelfinale vorzeitig erreicht, doch die gestrige Leistung gegen Nigeria war eher schwach. Foto: dpa
wm © dpa
01.07.2011

Krampf statt Glanz - Neid: «Nicht so federleicht»

FRANKFURT/MAIN. Deutschland steht im Viertelfinale, doch die schwache Leistung gegen rustikale Nigerianerinnen gibt auch Trainerin Neid zu denken. Das Team wirkt gehemmt und belastet. Hinzu kommt nun die Debatte um Birgit Prinz, die nach ihrer Auswechslung frustriert und sauer war.

Kampf und Krampf statt Glanz und Gloria - nach dem vorzeitigen Viertelfinaleinzug bei der Heim-WM hat bei den deutschen Fußball-Frauen die Suche nach den Ursachen für die wenig berauschenden Darbietungen begonnen. «Auf mich wirkten die Spielerinnen sehr gehemmt. Es war nicht so federleicht wie in den Spielen davor. Vielleicht ist die Belastung doch zu groß gewesen, weil man unbedingt in die nächste Runde einziehen wollte», sagte Bundestrainerin Silvia Neid nach dem mühevollen und glücklichen 1:0 (0:0)-Sieg gegen Nigeria am Donnerstagabend in Frankfurt.

Dank des erlösenden Siegtreffers von Simone Laudehr kann der zweimalige Weltmeister zwar mit einem Erfolg am kommenden Dienstag in Mönchengladbach gegen den punktgleichen Tabellenführer Frankreich noch den Gruppensieg schaffen. Doch dass die DFB-Elf gegen den rustikal und teilweise überhart einsteigenden Afrikameister keine spielerischen Mittel fand, gibt zu denken. «Ich glaube, es hängt mit dem Kopf zusammen und den hohen Erwartungen. Ich werde sehr viele Einzelgespräche führen», kündigte Neid an.

Die große Kulisse und die Last der Favoritenrolle scheinen die Spielerinnen eher zu lähmen als zu beflügeln. Neid will ergründen, «wie sie sich fühlen» und die «nächsten Spiele vorstellen». Man müsse auch vor 50 000 Zuschauern in der Lage sein, den Ball anzunehmen und zur Mitspielerin zu passen. «Aber wenn wir den Ball mal erobert hatten, haben wir ihn gleich wieder zu einer im grünen Shirt gespielt.»

Die Pfiffe der Zuschauer seien aber nicht «auf uns gemünzt», meinte Neid, sondern hätten sich gegen die harte Spielweise Nigerias und die schwache südkoreanische Schiedsrichterin Cha Sung-Mi gerichtet, die ihrer Mannschaft keinen Schutz geboten habe. «Ich weiß nicht, warum sie nicht mehr unterbunden hat. Wenn wir schon mal gut kombiniert haben, wurden wir von Fouls gestoppt. Das hat es nicht gerade erleichtert», konstatierte Neid, fügte aber an: «Man hätte auch gegen uns pfeifen können.»

Die Bürde des Turnierfavoriten müsse man laut Neid trotz der schwächeren Leistung weiter tragen. «Alle Mannschaften geben gegen uns 120 Prozent. Wir sind nun mal in der Favoritenrolle. Und da bewegen wir uns im Moment auch gerne», sagte die Trainerin.

Zu allem Überfluss hat Neid die entflammte Debatte um ihre völlig aus dem Tritt geratene Spielführerin Birgit Prinz am Hals. Die Trainerin holte die 33 Jahre alte Fußball-Ikone schon in der 52. Minute vom Feld, weil sie keinen Zweikampf und kein Laufduell gewann. Völlig frustriert und sauer stapfte Prinz missmutig vom Rasen. «Glücklich war ich nicht, aber das ist man auch nicht, wenn man nach 50 Minuten ausgewechselt wird», räumte Prinz ein, die bei ihrer fünften WM auch die von ihr selbst erwartete Führungsrolle bisher nicht ausfüllen konnte. Prinz nahm aber auch ihre Mitspielerinnen in die Pflicht. «Ich bin nicht glücklich. Wir haben relativ wenig Fußball gespielt und das fand ich ein wenig enttäuschend», sagte sie.

Bisher hat Neid an ihrer Vorzeigeathletin festgehalten, doch nun scheint auch die Trainerin ins Grübeln zu kommen. Gleichwohl kommt eine Demontage der verdienstvollen Spielführerin nicht infrage. «Die ganze Abteilung hat nach vorn nicht so gespielt, wie wir es gerne hätten, nicht nur Birgit Prinz», sagte Neid, die ihrer glücklosen Sturmführerin aber keine Einsatzgarantie geben wollte. «Das muss ich mal schauen. Gesetzt waren ja sowieso die wenigsten Spielerinnen», meinte Neid auf die Frage, ob Prinz weiter unumstritten sei. Nicht nur Torschützin Simone Laudehr versprach, dass man rückhaltlos zu Prinz stehe und sie wieder aufbauen werde. «Wir sind ein Team. Wir lassen niemanden allein.»

Neid ist froh, dass ihre am Freitag mit der Bahn nach Düsseldorf gereiste Mannschaft nun ein paar Tage zur Pflege und Regeneration zur Verfügung stehen. «Wir sind eigentlich froh, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Ich habe unsere Mannschaft noch nie mit so vielen Blessuren und Verbänden aus der Kabine kommen sehen.» Ob Melanie Behringer, die sich nach einer halben Stunde eine Bänderdehnung im Sprunggelenk zuzog, gegen Frankreich wieder einsatzfähig ist, ist offen.

«Wir haben sehr viel auf die Knochen gekriegt. Ich denke, wir haben trotzdem gut dagegengehalten», betonte Laudehr, deren Wut sich beim Siegtor entlud: «Ich glaube, das war die perfekte Antwort.» Die zur besten Spielerin der Partie gekürte Abwehrchefin Annike Krahn mochte ihre blauen Flecken erst gar nicht zählen. «Es war ja mehr Ringkampf als Fußball.» dpa