Eine Maske aus Papua-Neuguinea (m.) auf dem Stand der Galerie Monbrison in Maastricht. Foto: Oliver Berg
Eine Maske aus Papua-Neuguinea (m.) auf dem Stand der Galerie Monbrison in Maastricht. Foto: Oliver Berg

«Tribal Art» und der Kunstmarkt

Maastricht (dpa) - Der Pariser Galerist Anthony Meyer versteht nicht, warum die Franzosen Kunst an afrikanische Völker zurückgeben sollten. «Die Kolonialzeit zu kriminalisieren, ist absurd», sagt der selbstbewusste Mann mit dem auffälligen Schnurrbart.

«Die meisten Werke wurden nach den Maßstäben der damaligen Zeit rechtmäßig erworben.» Kolonialismus, so lautet seine Überzeugung, hat es immer gegeben - und das wird auch so bleiben. «Ich würde die dominierende Stellung von McDonald's-Restaurants in der ganzen Welt auch als eine Form von Kolonialismus betrachten.»    

«Tribal Art» heißt die Abteilung auf der am Samstag beginnenden Kunstmesse Tefaf in Maastricht, die Artefakte aus Afrika, Amerika und Ozeanien vereint. Wörtlich übersetzt: Stammeskunst. Es ist ein von Europäern geprägter Begriff aus der heißen Phase des Imperialismus Ende des 19. Jahrhunderts.

Deutsche Aussteller sind in diesem Bereich auf der weltweit führenden Messe für alte Kunst nicht vertreten: Die Sparte wird dominiert von Franzosen und Belgiern. Meyer ist einer der Großen seiner Zunft - ein Spezialist für ozeanische und Eskimo-Kunst. 

Die Debatte um die Restitution afrikanischen Kulturguts hält derzeit nicht viele Museen in Atem. 2017 hatte Präsident Emmanuel Macron die zügige Rückgabe des afrikanischen Kulturerbes in Frankreich an die Herkunftsländer versprochen. Inzwischen stehen auch deutsche Museen unter Zugzwang. 

Aber nicht nur öffentliche Institutionen, auch private Sammler und Händler müssen sich unangenehme Fragen gefallen lassen: Gehören die Schmuckstücke aus ihren vier Wänden eigentlich nach Afrika? Manche Sammler beklagen eine geradezu feindselige Stimmung. Auch in der «Tribal Art»-Abteilung im niederländischen Maastricht ist mitunter eine gewisse Gereiztheit zu spüren. Nein, er wolle nicht zu diesem Thema Stellung nehmen, sagt Galerist Lucas Ratton aus Paris ziemlich kühl. Das stehe ihm bis hier.

Die Dame am Stand schräg gegenüber erschrickt fast: «Dazu kann ich nichts sagen, das ist sehr brisant.» Stattdessen ruft sie ihren Chef Alain de Monbrison an - er sitzt noch im Zug aus Paris. «Wissen Sie», sagt er am Telefon, «wer wollte schon alles ernst nehmen, was unser Präsident sagt? Seine Idee ist sehr edel. Nur leider in der Umsetzung höchst kompliziert.»

Zum Beispiel gebe es in Afrika gar nicht genug Museen, die all die Werke aus Frankreich aufnehmen könnten, gibt Galerist Bernard Dulon, ebenfalls aus Paris, zu bedenken. Und dann: Wenn man einmal damit anfange, Kunst zurückzugeben, wo solle das enden? «Es würde bedeuten, die Büchse der Pandora zu öffnen.» Es ist ein oft gehörtes Argument: Die Nofretete müsste dann aus Berlin zurück nach Ägypten, die Elgin Marbles würden aus London nach Athen wandern - so wie es die griechische Regierung seit langem fordert. Aber ist Weltkunst nicht überall zuhause? Vielleicht. Aber dass sich 80 bis 90 Prozent aller Kunstgegenstände aus zahlreichen afrikanischen Ländern in europäischen Museen befinden sollen, das deutet doch zumindest auf ein gewisses Ungleichgewicht hin - um es vorsichtig auszudrücken.  

Anthony Meyer steht inmitten seiner wunderschönen Figuren, die man früher in Europa «primitiv» nannte, und bringt noch einmal seine Verwunderung zum Ausdruck: «Die Tatsache, dass irgendein afrikanischer Häuptling oder Schamane einmal einem vorbeikommenden Soldaten oder Doktor eine Skulptur gegeben hat, soll auf einmal ein Verbrechen sein?» Ihm leuchtet das nicht ein. «Nur sehr wenige Werke wurden tatsächlich gestohlen oder unter Zwang erworben.»

Im übrigen hätten die meisten afrikanischen Länder gar kein echtes Interesse an der Kunst: «Ihr Hauptmotiv besteht darin, dass diese Werke auf dem westlichen Markt sehr viel wert sind», behauptet Meyer. Der Wunsch, sich der kostbaren Artefakte zu bemächtigen, sei ja durchaus verständlich, nur gehörten ihnen diese Werke eben nicht mehr: «Wir haben sie gekauft. Okay? Wir haben sie gekauft.»