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„Fläche im Raum“: Die Schau zeigt René Lang als Künstler und Designer. Foto: G. Meyer
„Fläche im Raum“: Die Schau zeigt René Lang als Künstler und Designer. Foto: G. Meyer
05.04.2019

20 Jahre war er Herrenmode-Chefdesigner von Karstadt: René Lang stellt Kunstwerke in seiner Heimat Niefern aus

Niefern-Öschelbronn. Eigentlich passen die Bilder nicht zu diesem engen, dunklen Raum neben der karierten Bettwäsche und den Kaffeemühlen aus Großmutters Tagen. In ihrer klaren konstruktiven Ausrichtung verlangen sie nach Licht und freier weißer Fläche und nicht nach einem Dasein im Heimatmuseum. René Lang bewegt sich in diesem historischen Gegenmilieu aber mit einer verblüffenden Gelassenheit. Als wäre die authentische Vergangenheit, die nebenan dicht an dicht gelagert ist, der Nährboden, aus dem Neues wächst. Hinterlassenschaft einer Welt, deren heimatliches Konvolut er gerne hütet, aber selbst am Fahndungsaufruf zur Entdeckung völlig anderer Sichtweisen arbeitet.

Was ist das für ein Gefühl, die eigenen, mit Computer-Präzision und ohne jegliche Sentimentalität gefertigten Arbeiten in einem Heimatmuseum zu präsentieren? Eine Frage, die sich durch die Person René Lang selbst beantwortet.

Der Diplom-Modedesigner ist Präsident des Verbands Deutscher Mode- und Textil-Designer und war 20 Jahre lang Chefdesigner für die Herrenabteilung von Karstadt, wo er auch heute noch für die Globetrotter-Kollektion verantwortlich zeichnet. Dazwischen hat er dem Leben viele Facetten abgewonnen. So startete er mit einem Fashion-Label „freudenstuerme“ und einem Consulting-Unternehmen „langdesign“ in die Selbstständigkeit, sein Wissen über Modedesign und -marketing gibt er auch als Lehrbeauftragter der HTW Berlin weiter. Er fotografiert und skizziert, setzt seine künstlerische Konzeption per Computer um, nennt einen großen Garten sein Eigen, bastelt mit Leidenschaft an kleinen Modellautos und ist im Vorstand eben jenes kleinen heimatlichen Nieferner Sammelsuriums der Vergangenheit, dem Kulturkreis Niefern-Öschelbronn 1982. So einer mag starre Grenzen nicht, Mangel an Empathie ist ihm fremd, auch wenn er recht vorsichtig mit Gefühlen umgeht. Die hemmen, das weiß man, allzu oft das analytische Denken.

Das wiederum liebt Lang. „Ich neige dazu, verkopft zu denken“, sagt er, der seine Bilder mit den Reihungen „dem mathematischen Denken geschuldete Variationen“ nennt. Aus ihnen ist alles Weiche, Fließende und sanft Stoffliche seiner Designertätigkeit wie mit einem harten Filter herausgezogen. Kantig, metallisch und – da trifft man auf einen schmalen Grenzstreifen zum Museum – dem Prozess des Korrodierens und Alterns unterworfen, liegen Flächen in einem unbestimmbaren Raum.

Auch Lang lässt sich in seiner Persönlichkeit schwer fassen. Kaum glaubt man, ihn gefunden zu haben, schlüpft er durch die Finger und gleitet in eine neue Kammer, deren bunte Gedankentapete der schnöden Gegenwart wieder ein Schnippchen schlägt. Fast so etwas wie Funkenflug geht von ihm aus, ohne dramaturgische Vorgabe, aber mit dem Vorsatz, bereit zu sein für alles, was Spaß und Sinn macht. „Jeden Tag notiere ich Ideen, das Skizzenbuch ist voll.“ Hinter seiner Ideenfülle lauert, man glaubt es kaum, ein humorig-reflektierender Blick auf das Modegeschehen und seine Medien-Würdenträger, die er bei seinen internationalen Begegnungen zu durchschauen lernte.

Vor einigen Jahren ist Lang mit Ehefrau Susanne der Eltern wegen zurückgekehrt in seinen Heimatort Niefern. Mag sein, dass Mutter Lang als Modistin den Grundstein legte für die Laufbahn des Sohnes, der sich auf dem Pforzheimer Gymnasium so tödlich langweilte, dass man ihm den Abgang nahelegte. Schülersprecher und Vertrauensmann bei der Bundeswehr, Student an der Pforzheimer Hochschule für Gestaltung und Designer – das Spektrum des Lang’schen Lebens ist breit gefächert. Aber es gibt dafür ein paar zusammenfassende Stichworte von ihm selbst: freier Geist, keine Klischees bedienen, die Bestimmung des eigenen Standorts und sich selbst gegenüber kritisch bleiben. So kommt es, dass er von seinen Karstadt-Entwürfen nicht als Mode, sondern als Bekleidung sprechen mag. Doch wenn er Menschen begegnet, deren Brust via T-Shirt ein breites Bekenntnis zur „Universität von Pusemukel oder sonst was“ ziert, sucht er nach anderen Worten: „Dann stehen mir nur die Haare zu Berge.“