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Dicht gedrängt standen die Besucher der Finissage bei der Begrüßung von Kultur- und Baubürgermeisterin Sibylle Schüssler vor dem „bedrohten Haus“. Foto: Meyer
13.04.2018

200 Kunstfreunde bei Finissage des „bedrohten Hauses“ von Andreas Sarow

Pforzheim. Kunst kann Augen öffnen, Entwicklungen anstoßen, Menschen zusammenbringen – um über sie zu streiten, oder um sie einfach nur zu genießen. Kunst kann auch Fabelhaftes: Aus einem heruntergekommenen Gartenhaus wird ein schützenswertes Wesen, das einem kleinen, gelben Tweety-Vögelchen gleich von einem Käfig umfangen wird. „Aus einer Immobilie wird eine Mobilie“, sagt Andreas Sarow im Vorfeld der Finissage seines „bedrohten Hauses“, zu der rund 200 Kunstinteressierte kamen.

Bildergalerie: "Das bedrohte Haus" - Die Enstehung eines Kunstprojekts

Interview mit Andreas Sarow zum "bedrohten Haus"

Mobilität ins Denken bringen – auch das kann Kunst wie die an der Hercyniastraße 38. „Wir bauen immer noch wie vor 100 Jahren“, sagt der Diplom-Ingenieur für Architektur und Künstler. Und: „Dass ich die Fußbodenheizung meines Neubaus mit dem Handy steuern kann, ist noch keine architektonische Innovation.“ Das sieht auch Kunsthistorikerin Chris Gerbing so: „Bauverordnungen und Dämmrichtlinien, aber auch die verschiedenen Anbieter von Fertighäusern und nicht zuletzt Großinvestoren haben dafür gesorgt, dass von Flensburg bis Passau, von Aachen bis Görlitz Neubauten nach Schema F entstehen“, sagt sie bei der Finissage. Und gerade das am 23. Februar 1945 zerstörte Pforzheim ist für sie der passende Ort für diese Kunstaktion: In einer Stadt, „die nach meiner Wahrnehmung bis heute auf der Suche nach ihrer Identität ist.“ Andreas Sarow verändere mit seinen temporären Eingriffen in den städtischen Raum die Architektur und deren Aussage. „Er lenkt den Blick auf das Alltägliche, Gewöhnliche, Nebensächliche, das für einen Moment aus der Masse gehoben wird und damit zum ‚Denk-Mal’ wird: Zur Aufforderung, sich Gedanken zu machen über uns, die Art und Weise, wie wir leben, arbeiten und – nicht zuletzt – wohnen.“

„Gebäude künstlerisch zu entfremden, neu zu programmieren und in einen anderen Kontext zu setzen, ist aus meiner Sicht ein spannender Ansatz“, betont Kultur- und Baubürgermeisterin Sibylle Schüssler in ihrem Grußwort. So führe gerade auch das „bedrohte Haus“ zu einer Auseinandersetzung mit Kunst und Kunst im öffentlichen Raum: „Und das ist ein wichtiger Beitrag in und für unsere Stadt“, bedankte sich Sibylle Schüssler.

Bereits am Nachmittag haben Mitglieder der Jungen Union mit Oberbürgermeister Peter Boch und einigen Zuhörern über die Chancen diskutiert, die Kultur in die Stadt zu bringen und somit die Stadt selbst für junge Menschen attraktiver zu machen. Für den OB, der von der Präsenz gerade junger Menschen bei der Barparade am vergangenen Wochenende ins Schwärmen gerät, ist es wichtig, die Studenten stärker ins Stadtgeschehen einzubeziehen, vermehrt in die Innenstadt zu locken, unter anderem auch, indem sich die Kultur bei Events wie dem verkaufsoffenen Sonntag stärker positioniere. Einen richtigen Ansatz sehen OB und JU-Kreisvorsitzender Philipp Dörflinger auch darin, Quartiere wie beispielsweise entlang der KF, durch Kunst lebens- und liebenswerter zu machen. „Gebt mir ein Budget und ihr werdet die Stadt nicht wiedererkennen“, sagt Andreas Sarow dazu schmunzelnd. Und nicht nur die Finissage-Gäste warten mit Spannung darauf, mit welchem – wie auch immer unsubventionierten – Kunstprojekt er als Nächstes überraschen wird.

Hohes Bußgeld droht: „Schwarze Villa“ bringt Andreas Sarow vor Gericht

Am Freitag, 20. April, steht der 43-Jährige wegen einer Ordnungswidrigkeit vor dem Pforzheimer Amtsgericht. Andreas Sarow habe die "Schwarze Villa" an der Friedenstraße in Pforzheim, ein Kulturdenkmal im Rodgebiet, „ohne Genehmigung der unteren Denkmalschutzbehörde in seinem Erscheinungsbild beeinträchtigt“, indem er sämtlichen von der Straße aus sichtbaren Teilen wie Wände, Fenster, Tür und Dach einen monochromen Farbanstrich verpasst habe, zitiert die Leitende Oberstaatsanwältin Sabine Mayländer aus der Anklageschrift. „Das Vorhaben wurde weder beantragt, noch wäre es genehmigungsfähig gewesen“, fügt sie hinzu.

Ursprünglich war ein Bußgeld in Höhe von 50.000 Euro festgesetzt worden. Der Bescheid erreichte Sarow bereits Ende 2015. Er legte Einspruch ein. 

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