nach oben
Freuen sich aufs Festival: Jochen Abraham (Architektenkammer Pforzheim, von links), Kulturamtsleiterin Isabel Greschat, Jazzer Bibi Kreuz, Isabel Schmidt-Mappes vom Schmuckmuseum, Michael Geiger (Kinobetriebe Geiger) und Ob Gert Hager.
Freuen sich aufs Festival: Jochen Abraham (Architektenkammer Pforzheim, von links), Kulturamtsleiterin Isabel Greschat, Jazzer Bibi Kreuz, Isabel Schmidt-Mappes vom Schmuckmuseum, Michael Geiger (Kinobetriebe Geiger) und Ob Gert Hager. © Seibel
13.09.2010

50er-Jahre-Kulturfestival in der 50er-Jahre-Stadt

PFORZHEIM. Hula Hoop, Rock 'n' Roll und Tütenlampe – drei Begriffe, die kulturgeschichtlich für die 50er-Jahre stehen. Weltpolitisch zieht der Kalte Krieg auf und in Deutschland sind Ereignisse wie Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und Wiederbewaffnung politisch und wirtschaftlich prägend. Auch in der Goldstadt wirken die 50er-Jahre bis in die Gegenwart nach. Vom 9. Oktober bis zum 28. November lässt die Stadt Pforzheim nun das vergangene Jahrzehnt im Rahmen des 50er-Jahre-Kulturfestivals wieder aufleben.

Zahlreiche Ausstellungen, Aufführungen, Konzerte, Workshops, Vorträge, Diskussionsforen, Shows, Architektur-Führungen und Filme beleuchten verschiedene Aspekte dieser Zeit. Unter Koordination des städtischen Kulturamts haben sich nahezu alle Pforzheimer Kulturträger beteiligt und damit eine attraktive Großveranstaltung geschaffen, die eine Ausstrahlung weit über die Stadtgrenzen hinaus entfaltet. Bereits 2008 zog das 20er-Jahre Kulturfestival viele tausend Kulturbegeisterte aus Pforzheim und weit darüber hinaus in die Goldstadt.

Das Programm enthält zehn Ausstellungen und 65 Sonderveranstaltungen. Im Mittelpunkt stehen dieses Mal drei Ausstellungen im von Manfred Lehmbruck entworfenen Reuchlinhaus, selbst ein herausragendes Beispiel für qualitätvolle 50er/60er-Jahre Architektur.

„Alltag und Ambiente – Zeitgenössische Kunst reflektiert die 1950er Jahre“ (9. Oktober bis 28. November.) ist der Titel der Schau, die in Kooperation zwischen Kunstverein Pforzheim und Kulturamt entstanden ist. Sie thematisiert mit Beiträgen aus der zeitgenössischen Kunst und ausgewählten Beispielen aus Architektur und Alltagskultur das ambivalente Lebensgefühl zwischen Aufbruch und Restauration. Den Schwerpunkt der Ausstellung bilden prägnante Arbeiten zeitgenössischer Künstler, unter anderem von Maya Bringolf, Martin Honert, Pia Lanzinger und Thomas Ruff. Im Dialog mit Originalgegenständen, etwa Party-Garnituren, Reisesouvenirs und einer Milchbar in Form eines Fliegenpilzes reflektieren und kommentieren sie die besondere Atmosphäre dieses Jahrzehnts.

Die zweite Ausstellung im Reuchlinhaus ist im Schmuckmuseum zu sehen: „Zu Petticoat und Wespentaille – Modeschmuck der 1950er-Jahre. Christian Dior und Grossé aus dem Hause Henkel & Grosse“ (17. September bis 14. November). Dieses Unternehmen war eine der renommiertesten Modeschmuckfirmen weltweit. Anzuschauen sind Broschen, Ketten und Ohrclips in farbig-verspielten Blütenformen, die Henkel & Grosse für Dior kreierte oder unter dem eigenen Markennamen Grossé herstellte und vertrieb.

„Einblicke in ein widersprüchliches Jahrzehnt“ will die Ausstellung „Pforzheim in den 50er-Jahren“ (17. 10.- 28.11.) in der Pforzheim Galerie geben. Neben dem „Typischen für die Zeit“ wird die Ausstellung einen Eindruck von den Veränderungen vermitteln, die die Stadt Pforzheim und die Menschen in der „Wirtschaftswunder“-Zeit durchliefen. Eine schöne Ergänzung dazu bildet die Fotoschau „Aufbruch – Pforzheimer Szenen“ die im Reuchlinhaus in der Galerie zum Hof gezeigt wird. Fotografien von Eva Bischoff, Erica Loos und anderen versetzen den Betrachter in das Pforzheim der 50er-Jahre zurück.

„50er-Jahre-Architektur – was ist aus Dir geworden?“ (17. Oktober) – diese Frage steht im Mittelpunkt eines Stadtspaziergangs der besonderen Art. Jochen Abraham von der örtlichen Architektenkammer wird diesen Rückblick gemeinsam mit Kunsthistorikerin Christina Klittich und dem Stadttheater Pforzheim in einen humorvollen, amüsanten, aber auch kritischen Spaziergang durch Pforzheims Geschichte verpacken. Das Besondere: Schauspieler des Theaters spielen kleine Szenen, Lieder und Tanzstücke aus der Zeit. Die Architektur steht aber auch im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion mit Zeitzeugen im Kulturhaus Osterfeld, aufbereitet mit Berichten von Wiederaufbau-Architekten aus Pforzheim (27. Oktober).

Auch die darstellenden, literarischen und musikalischen Künste nähern sich den 50er-Jahren aus unterschiedlichen Perspektiven an. Die Marionettenbühne Mottenkäfig zeigt das Stück „Böhmische Schneider – Marionettenspiel von Günter Eich“ mit Figuren von Rainer Mürle in einer Neuinszenierung mit dem Regisseur Bernd Lang (12. und 13. November). Einen Spiegel hielt Friedrich Dürrenmatt der bürgerlichen Gesellschaft 1956 mit seinem „Besuch der Alten Dame“ vor. Das Hohenloher Figurentheater folgt in seiner Inszenierung ganz dem Original dieser „tragischen Komödie“, zu sehen im Figurentheater Mottenkäfig (26. November).

In der Stadtbibliothek nehmen sich vier bekannte Musiker gemeinsam mit dem Schauspieler Harald Schwiers des „Beat Poetry Projects“ an: ein musikalisch-literarisches Programm mit Tönen und Texten, die Ende der 40er und Anfang der 50er-Jahre die Welt veränderten. (24. Oktober). Ein Sonderkonzert zum 55-jährigen Bestehen des Jazzclubs Pforzheim mit dem Frankfurter Emil-Mangelsdorff-Quartett gibt es im Vortragssaal des Reuchlinhauses zu hören (19. November). Mangelsdorff gab von den 60ern bis zu den 80er-Jahren mit seinem verstorbenen Bruder Albert in wechselnden Besetzungen Konzerte im Jazzclub.

Die Pforzheimer Kinohäuser Kommunales Kino und Rex Filmpalast präsentieren zahlreiche 50er-Jahre Klassiker aus der ganzen Welt mit Stars wie Elisabeth Taylor, Paul Newman, James Dean oder Heinz Rühmann. Die 50er Jahre sind eine Hoch-Zeit des Kinos, und nach Pforzheim kommen viele internationale Kinostars zur Aufführung ihrer Filme. Empfehlenswert ist auch die turbulente Montage aus Kino-Werbung, Wochenschaumaterial, Parteien-Reklame und Kulturfilmen namens „Rendezvous unterm Nierentisch“, die das Kommunale Kino zeigt (22. Oktober).

Eine interaktive Video-Installation gibt es ab 12. Oktober in der Kundenhalle der Sparkasse Pforzheim-Calw zu sehen. Hier berichten weniger bekannte und viele bekannte Pforzheimer Persönlichkeiten aus Kultur, Wirtschaft und Politik über ihre 50er-Jahre, über persönliche Lebensumstände, Eindrücke der Nachkriegskultur, Beteiligung am Wirtschaftsleben und Wahrnehmung der großen und kleinen Politik. Für die Produktion der Interviewfilme fanden sich das Medienzentrum Pforzheim-Enzkreis und die Schüler-Filmkritiker-Gruppe (Spinxx) am Kommunalen Kino zusammen.

Den Abschluss des 50er-Jahre Kulturfestivals bildet das Nachtfoyer im Theater Pforzheim (29. November). Im lockeren Gespräch schauen Beteiligte und Zuschauer auf die vergangenen Jahre zurück und diskutieren darüber, was bleibt, was folgt, und was wünschenswert wäre. Mit dabei sind Oberbürgermeister Gert Hager und Kulturreferentin Isabel Greschat. Um das Gespräch herum entfalten Schauspieler, Sänger und Tänzer des Theaters Pforzheim einen Reigen aus Szenen, Liedern und Tanz. Operndirektor Wolf Widder und Schauspieldirektor Murat Yeginer führen durch den Abend. Philip Mukherjee