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Siegfried Lenz
Siegfried Lenz
31.03.2016

65 Jahre in der Schublade – Siegfried Lenz’ neuer Roman

Hamburg. Die Geschichte selbst ist romanverdächtig: Ein Jahr nach dem Tod von Siegfried Lenz (1926–2014) wird im Nachlass des Schriftstellers im Deutschen Literaturarchiv in Marbach (Kreis Ludwigsburg) ein fertiger, aber nie veröffentlichter Roman gefunden. Das Manuskript „Der Überläufer“ hatte trotz Überarbeitung des Autors 1952 im Hoffmann und Campe Verlag nicht erscheinen dürfen.

Im politischen Klima der frühen Adenauer-Zeit war dem Verlag die Geschichte des zur Roten Armee übergelaufenen Wehrmachtssoldaten Walter Proska offensichtlich zu brisant. Lenz, damals 25 Jahre jung, hatte zuvor nur seinen Erstling „Es waren Habichte in der Luft“ veröffentlicht.

Verzweifelte Soldaten

Erst jetzt – 65 Jahre nach dem Entstehen – ist der packende Roman erschienen und erobert die Bestsellerlisten. Im Mittelpunkt steht der Soldat Walter Proska. Er stammt wie Lenz aus dem masurischen Lyck. Im Sommer 1944 wird Walter, nachdem er eine Zugexplosion überlebt hat, einer kleinen Einheit an der Ostfront zugeteilt. Diese lebt verschanzt in einer Waldfestung, die keinen Kontakt zur nächsten Dienststelle mehr hat und eine Bahnlinie kontrollieren soll.

Lenz beschreibt in klarer Sprache das elende und trostlose Leben im Lager der versprengten Truppe: sengende Hitze in den Sümpfen, Angriffe von Mückenschwärmen. Zacharias wird beim Bad erschossen, Stani wird das Gesicht weggeschossen.

Und was macht Walter Proska? Ähnlich wie Lenz bricht er nach anfänglicher Euphorie schließlich mit den Nationalsozialisten. Er desertiert nach manchen Diskussionen zu den Russen.

Doch auch nach dem Überlaufen erlebt Proska wieder Angst und Schrecken des Krieges. Beide Seiten leben den gleichen Konflikt: töten oder getötet werden. Lenz treibt das Spiel auf die Spitze: Er lässt Proska seinen Schwager Kurt Rogolski erschießen, als die Rote Armee bei der Eroberung Ostpreußens den Wohnort seiner Schwester Sybba erreicht.

Lenz’ Antikriegsroman hat so auch noch 71 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs nichts an Aktualität verloren, wie die Gewalt in der Ukraine, in Syrien oder im Irak zeigen. Oder wenn es im Roman heißt: „Wir müssen uns vor den nationalen Rattenfängern hüten.“