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Der Brite Colin Davis. Foto: dpa
Der Brite Colin Davis. Foto: dpa
Der damalige Münchner Generalmusikdirektor Sergiu Celibidache. Foto: dpa
Der damalige Münchner Generalmusikdirektor Sergiu Celibidache. Foto: dpa
Herbert Blomstedt. Foto: dpa
Herbert Blomstedt. Foto: dpa
22.12.2017

Abschied von Despoten am Pult: #MeToo-Kampagne hat Blick für Abhängigkeiten im Berufsleben geschärft

Dresden. Die Bescheidenheit gehört inzwischen zum guten Ton. Wenn Dirigenten nach vollbrachter Arbeit heute den Applaus in Empfang nehmen, steigen sie meist schnell vom Podium herab und reihen sich in das Orchester ein. Der Maestro auf Augenhöhe mit seinen Musikern. Das war nicht immer so. Noch lange nach der Aufklärung verstanden sich Dirigenten als höherstehende Wesen und Sachwalter der Musen – nicht immer mit den besten Manieren. Dass es in Proben oder anderswo zu Tobsuchtsanfällen am Pult kam, wissen viele Musiker zu berichten.

Von Sergiu Celibidache (1912–1996) ist der Satz überliefert: „Jeder Dirigent ist ein verkappter Diktator, der sich glücklicherweise mit der Musik begnügt.“ Er lässt erahnen, wie sich Vertreter der Zunft zumindest zeitweise selbst sehen. Dabei ist der Umgang mit den Orchestermusikern keine Frage des Alters, auch wenn Dirigenten manchmal erst am Ende ihrer Karriere Milde ausstrahlen. Sie ist eher eine Typfrage. Maestros wie der Schwede Herbert Blomstedt verstanden sich schon als junge Künstler als Kollegen der Musiker. Blomstedt räumt sogar als 90-Jähriger noch Selbstzweifel ein: „Ich habe mir stets die Frage gestellt, ob ich gut genug bin, um ein Orchester anzuführen.“

Solche Bescheidenheit mag eine Ausnahme in der Branche sein. Aber auch andere Grandseigneurs der Dirigentenzunft zogen einen überaus freundlichen Umgang mit ihren Orchestern vor. „Es ist ganz unnötig, bei den Proben zu schreien. Ich brauche alle Energie für das Konzert“, sagte der Brite Sir Colin Davis (1927–2013) einmal. Schließlich bringe es überhaupt nichts, wenn Musiker aus Furcht vor dem Dirigenten spielten.

Zwickmühle für Dirigenten

Dabei befinden sich Dirigenten durchaus in einer Zwickmühle. Sie müssen Chef sein, Autorität ausstrahlen und dennoch einen Draht zu den Frauen und Männern auf der Bühne oder im Orchestergraben finden. Antonello Manacorda, Künstlerischer Leiter der Kammerakademie Potsdam und Chef des niederländischen Het Gelders Orkest, sieht darin keinen Widerspruch: „Autorität hat nichts mit Diktatur zu tun.“ Ein Orchester müsse seine eigene Persönlichkeit behalten dürfen: „Wenn es lange unter einem Diktator spielt, hat es keine mehr. So etwas ist mir auch schon begegnet.“

Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) verweist auf einen anderen Aspekt. „Dirigenten üben eine zeitlich befristete Führungstätigkeit aus und treffen dabei auf Musiker, die in der Regel unbefristete Verträge haben.“ Es gehe nicht nur darum, sauber zu dirigieren, sondern zu führen: „Da gibt es viele Konfliktfelder. Wenn der Dirigent etwas gegen die Mehrheit eines Orchesters durchsetzen will, ist das ein handfester Konflikt. Künstlerisch muss er kompromisslos sein, menschlich aber kompromissbereit.“

Darauf seien viele jungen Dirigenten nicht ausreichend vorbereitet, sagt Mertens. Die Frage sei auch, wie gut Dirigenten neben dem Handwerklichen auf diese Führungsrolle vorbereitet werden: „Heute muss ein Dirigent beispielsweise auch mit einem Politiker gut reden können. Ein Daniel Barenboim beherrscht das par excellence. Aber selbst Dirigenten in kleineren Städten müssen mal mit dem Bürgermeister, dem Chef des Kulturausschusses oder der Presse reden und dann das entsprechende Standing haben.“ Mertens wünscht sich, dass dies in Ausbildung eine größere Rolle spielt.

Immer mal wieder kommen der DOV Mobbing-Fälle zu Ohren. Mertens kennt den eines prominenten Maestros, der einer Harfenistin mit den Worten „Ich mach‘ sie fertig!“ drohte. Dennoch hält er die Tage der alten Patriarchen für gezählt. Heute gebe es in vielen Orchestern Betriebsvereinbarungen über einen kollegialen Umgang am Arbeitsplatz. Außerdem würden junge Musiker inzwischen mit einem anderen Selbstbewusstsein die Hochschulen verlassen und sich nicht alles gefallen lassen. Und auch die meisten jungen Dirigenten seien aus einem anderen Holz: „Da ist ein neuer Spirit.“