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24.12.2015

Alle Jahre wieder: Mariinsky-Theater gastiert mit „Schwanensee“ in Baden-Baden

Baden-Baden. Jedes Jahr zu Weihnachten macht sich das Petersburger Mariinsky-Theater auf den Weg nach Baden-Baden. Mit dabei: das monumentale Orchester, die erstklassigen Tänzer – und ein Stück, das das klassische Ballett geprägt hat wie kein anderes: „Schwanensee“ von Peter Tschaikowsky. Das erleben auch die Zuschauer, die auch in diesem Jahr zahlreich nach Baden-Baden gekommen sind. Das Werk gehört zu Weihnachten – und das nicht nur aus Tradition. Auch sonst ist das Stück wie geschaffen für die Zeit.

Die Handlung: Die Geschichte um den jungen Prinzen Siegfried passt nicht nur mit ihrem Märchencharakter und ihrer Farbigkeit, sondern gerade auch mit ihren Figuren perfekt zu Weihnachten. Da gibt es in Schwäne verwandelte junge Frauen, die überzeichneten Späße des Hofnarren, ein prächtiges Fest – und vor allem einen strahlenden Protagonisten, der sich gegen seinen Widersacher Rotbart durchsetzen muss. Erst durch den Sieg über den Zauberer kann Siegfried die Geliebte Odette von ihrem Fluch befreien und sie aus der Schwanen-Natur erlösen. In dieser Liebesthematik, die auch vor manchem Kitsch nicht zurückschreckt, passt der „Schwanensee“ perfekt zur Weihnachtszeit.

Die Musik: Peter Tschaikowsky mobilisiert alle Mittel, um aus der Partitur ein sinnenfreudiges Spektakel zu machen. Mit der schieren Masse des spätromantischen Orchesters kreiert er lebendige Klangfarben, die jeder einzelnen Nummer eine eigene Charakteristik geben. Melodien kommen nicht zu kurz. Mit wahrer Verschwendung verschleudert Tschaikowsky in Nebenpassagen das Material, mit dem andere Komponisten ganze Symphonien bestreiten würden. Und das Mariinsky-Orchester lässt beides – Melodie und Farbe – in diesem Jahr besonders zur Geltung kommen. Gerade, weil Dirigent Waleri Gergijew fast durchgängig das Tempo zügelt – eine Interpretation zeigt, die in mancher Nummer wegen dieser Zurücknahme gerade unerhört wirkt. Was bei schnelleren Tempi als heruntergespieltes Ornament wirkt, zeigt sich hier als zentraler Effekt von Tschaikowskys Instrumentierkunst.

Der Tanz: Es sind keine natürlichen Bewegungen, die das klassische Ballett, auch die Schwanensee-Choreografie, ausmachen. Stundenlanges Training erst ermöglicht diesen kunstvollen Tanz, der in seiner Schwerelosigkeit, in der Stilisierung seiner Gesten einen Gegenpol zum Alltäglichen bietet. Es ist unwirkliche, außergewöhnliche Bewegungskunst, die gerade deshalb in die so besondere Weihnachtszeit passt.

Das Bühnenbild und die Kostüme: Die historisierende Ausstattung von Igor Iwanow (Bühne) und Galina Solowjoa (Kostüme) versucht keinerlei Aktualisierung oder Interpretation, sondern begnügt sich damit, die Geschichte in zuckersüße Bilder zu übersetzen. Da sitzt die Königin im langen Kleid unter einem gotischen Baldachin, und über den See ziehen makellose Schwanen-Attrappen. Das ist in dieser Deutlichkeit manchmal schwer verdaulich – aber einmal im Jahr darf es dann doch der dick aufgetragene Kitsch sein.